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„Gibt es wirklich keine Alternative?“

„Gibt es wirklich keine Alternative?“

„Gibt es wirklich keine Alternative?“

Von Magda Albrecht

Kürzungen im Kulturbetrieb hinterlassen Spuren in der kreativen Landschaft. Dadurch gerät die für Kreativität und kulturelle Vielfalt notwendige Subkultur, oft Ursprung neuer Ausdrucksformen und Ideen, zunehmend in Gefahr. Magda Albrecht zeigt exemplarisch, dass es sich lohnt, gegen solche Entwicklungen aktiv zu werden.

Es ist ein kalter, ungemütlicher Novemberabend Anfang der 2010er. Mit meinen Bandkolleginnen stehe ich vor dem Lichtenberger Rathaus, ein imposantes Backsteingebäude im Herzen Ostberlins. Neben der Tür ist ein Schild angebracht: „Lichtenberg – Ort der Vielfalt“. Bunte Scheinwerfer färben den Eingangsbereich in pink und lila. Davor haben wir uns aufgestellt, mit Gitarre, Cello und Geige, und spielen ein paar unserer Songs akustisch. Als Sängerin darf ich glücklicherweise Handschuhe tragen, die anderen fluchen über ihre kalten, steifen Finger, die sie zum Zupfen oder Halten des Bogens benötigen.

Es gibt angenehmere Auftrittsorte, aber das spielte damals keine Rolle, denn wir waren ja da, um zu protestieren! Wir spielten gegen Kürzungen oder für den Erhalt unseres Jugendclubs oder… Ganz genau kann ich mich nicht mehr erinnern, nur daran, dass es so verdammt kalt war.

Ich weiß aber, dass es nicht das erste und auch nicht das letzte Mal war, dass wir lautstark unseren Unmut äußerten. Und wo wir demonstrierten, da war auch meistens Musik. Wir, das waren Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Jugendclub Linse, der nur wenige Gehminuten vom Rathaus entfernt lag. In der Linse habe ich einen Großteil meiner Jugend verbracht – und auch einige Jahre darüber hinaus. Ausgestattet mit zwei Proberäumen, in denen fast an jedem Nachmittag Punk-, Metal-, Rock- oder HipHop-Bands probten. Mit einer Grundausstattung an Equipment, die der Club zur Verfügung stellte, gehörte die Bandarbeit zu den Schwerpunkten der Jugendeinrichtung. An den Wochenenden spielten wir Konzerte oder probierten uns unter Anleitung an Licht- oder Tontechnik aus. Manchmal fuhren wir mit allen Musiker_innen auf Bandfahrten: Die Bungalows waren Proberäume und Schlafstätten in einem.

Irgendwann in dieser Zeit haben wir auch mal den Jugendhilfeausschuss, der gerade im Rathaus tagte, besetzt. Wir schleppten ein Schlagzeug, unsere Verstärker und Instrumente in den großen Tagungsraum und versperrten den Kommunalpolitiker_innen den Weg. Getreu dem Motto: Wer nicht tagen kann, kann auch nicht kürzen. An die Wände brachten wir weiße Bettlaken an mit Aufschriften wie: „Nieder mit der Jugendsparpolitik“ oder „Sparen an der Jugend ist wie Fremdgehen ohne Gummi.“

Damit waren wir Teil einer berlinweiten Protestwelle gegen die unsozialen Kürzungen der damaligen, wohlgemerkt, Rot-Roten Regierung im Bereich Kinder- und Jugendarbeit. Zu der Zeit war die Kinderarmut in Berlin auf dem Höchststand, gleichzeitig wurden immer mehr Freizeiteinrichtungen geschlossen. Die Finanzlage sei so angespannt, dass „gespart“ werden müsse: Die vom Bund diktierte Schuldenbremse müsse eingehalten werden, hieß es vom Mitte-Links-Bündnis. Auch in meinem Jugendclub wurden Angebote eingestellt. Drei Mitarbeitende kürzten ihre Arbeitsstunden, um den Bühnentechniker zu halten. Ging etwas kaputt im Proberaum, konnte es nicht ersetzt werden, denn für Sachmittel gab es fast keine Gelder mehr. Gekürzt wurde vor allem in den sozialen und kulturellen Bereichen. Auch beim Kinderschutz – also bei den Bedürftigsten der Stadt.

Wenn ich an die Proteste vor nunmehr 15 Jahren zurückdenke, fallen mir nicht nur die politischen Parallelen zu heute auf. Ich blicke, bei aller Wut über die Situation, auch anerkennend auf die Zeit zurück.

Zugegeben war mir damals nicht immer im Detail klar, warum wir die Ausschusssitzung oder einmal sogar die Straße vor dem Roten Rathaus besetzten. Ich fand es auch manchmal nervig, in meiner Freizeit zu demonstrieren oder in der Kälte zu singen. Aber ich erlebte „live“ mit, was es bedeutet, wenn Politiker_innen mit bedauernder Miene von „dringenden Einsparungen“ sprechen und dann unsere lieb gewonnenen Freizeitangebote abschaffen.

„Wir leben doch in einem reichen Land,“ dachte ich, „gibt es wirklich keine Alternative?“

Teil einer Community – unseres Jugendclubs – zu sein und zu erfahren, dass wir uns kollektiv wehren können, fühlte sich richtig an, auch wenn wir unsere Forderungen meist nicht durchsetzen konnten. Wir hatten einen Ort, um gemeinsam etwas zu planen, und es gab engagierte Sozialarbeiter_innen, die signalisierten, dass man sich nicht alles gefallen lassen müsse.

Kürzlich stand ich inmitten von Tausenden von Menschen vor dem Abgeordnetenhaus – mal wieder ein Protest gegen Sozialkürzungen, dieses Mal von der Schwarz-Roten Regierung. Damals liefen die Proteste unter dem Motto „Jugend verschwindet“, heute gehen wir mit Transparenten auf die Straßen, auf denen „Unkürzbar“ steht. Unter den Demonstrierenden waren auch Mitarbeitende und Besuchende von queeren Jugendzentren, die akut von Schließungen bedroht waren.

„Ihr schließt einen Raum, wir verlieren eine Welt“, las ich auf einem der Plakate.

Treffender lässt sich kaum formulieren, dass es bei Kürzungen nie nur darum geht, dass ein paar Stellen oder ein paar Angebote wegfallen, was allein schon schlimm genug ist. Vielmehr brechen Ansprechpersonen und Rückzugsorte weg, die gerade für Kinder und Jugendliche wichtig sind, um sich kreativ auszuprobieren, Gemeinschaft zu erleben, anzuecken und auch streiten zu lernen. Dafür braucht es Orte, die nicht-kommerziell sind und Selbstbestimmung fördern. Kulturelle und politische Teilhabe sind heute beliebte Schlagworte, aber sie sind weder Selbstzweck noch „für umme“ zu haben. Sie stellen die Voraussetzung für ein demokratisches und plurales Miteinander und fallen somit in den staatlichen Verantwortungsbereich. Gerade dort zu kürzen, wo Menschen niedrigschwellig teilhaben können und im besten Falle in ihrer Identität ernst genommen und gefördert werden, ist durchaus als politisch motivierter Angriff auf ein soziales Miteinander zu verstehen. Vereinzelung im Kapitalismus ist politisch gewollt.

Der Jugendclub Linse war kein Paradies. Als Musikerinnen mussten wir uns wehren, nicht nur gegen so manche Macker-Musiker, sondern mitunter selbst gegen Erwachsene, die unseren Soundcheck herablassend oder unser Aussehen heterosexistisch kommentierten. Gleichermaßen war es der Ort, an dem wir wütende Songs gegen Sexismus und Ausgrenzung schreiben und auf der Bühne präsentieren konnten. An Abenden, an denen wir auftraten, zahlten wir nichts, und wenn wir nicht spielten, nur ein paar Euro für Eintritt und Getränke.

Man muss Freiräume nicht romantisieren, ihre Bedeutung aber ist nicht zu unterschätzen: Subkulturelle Räume sind eine unerlässliche Basis für das kreative, laute und selbstbewusste Berlin, das alle so geil finden, gerade dann, wenn man es als attraktiven Standort verkaufen will. Gleichzeitig wird Teilhabe an Kultur oder Politik immer mehr zur Klassenfrage. Sich dagegen zu wehren, lohnt sich – das habe ich lernen dürfen. Nach massiven Protesten in den letzten Monaten wurde immerhin ein Teil der Kürzungsandrohungen in Berlin zurückgenommen.

Magda Albrecht

Magda Albrecht ist in Ostberlin aufgewachsen und als Autorin und Öffentlichkeitsarbeiterin tätig. Ihre Schwerpunkte sind linke und queere Politiken. Musik und Protest gehören auch heute noch zu ihrem Leben.