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(K)ein guter Mann, (k)ein politischer Film

(K)ein guter Mann, (k)ein politischer Film

(K)ein guter Mann, (k)ein politischer Film

von Pam Schmall

Es gibt no good men in Afghanistan. Das ist die Behauptung der Protagonistin Naru. Sie ist eine unkonventionelle Frau, eigensinnig und selbstbewusst, die einzige Kamerafrau bei Kabul News. Naru hat sich von ihrem Mann getrennt, nicht geschieden, denn sie will das Sorgerecht für ihren Sohn Liam nicht verlieren. In einem Generationskonflikt steht sie zu ihrem Kollegen Qodrat Qadiri, der knapp 20 Jahre älter ist als sie, und zunächst kein Verständnis für ihre Art aufbringen kann. Aber dieser Film ist eine Rom-Com, also kommen sich die beiden näher. Naru verlässt ihren zugewiesenen Platz als Kameraoperatorin für ein Live-Dating-Advice- Programm und beginnt damit, Qadiri mit der Kamera bei Nachrichten und Interviews zu begleiten.

No Good Men von Shahrbanoo Sadat, die auch das Drehbuch geschrieben hat und die Hauptrolle spielt, feiert seine Weltpremiere als Eröffnungsfilm der 76. Berlinale. In Deutschland gedreht, thematisiert der Film Liebe, Misogynie, Gewalt und die politische Situation und Korruption in Afghanistan. Seine Stärke liegt dabei in den Geständnissen einzelner Personen: Frauen, die im Interview erzählen, dass ihr Mann ihnen noch nie gesagt hat, dass er sie liebt. Naru, die erzählt, dass sie ihre Haare nicht wachsen lässt, weil ihr Vater früher das lange Haar ihrer Mutter benutzt hat, um sie zu verletzen. Qodrat, der kein Fleisch mehr isst, weil er seit Jahren nach Selbstmordattentaten vor Ort berichtet.

Diese Partikularitäten, zusammen mit Archiv-Filmmaterial von echtem Leid und Gewalt, lassen mir den Film nahe gehen. Doch gen Ende des Films verschwinden sie. Naru verliert ihre Freundinnen und ihren Job, gerät zurück unter die Kontrolle ihres Ehemanns. Qodrat verheimlicht sein Verhältnis zu Naru gegenüber seiner Frau. Wir treffen Narus Eltern nie, obwohl sie bei ihnen wohnt. Als Qodrat ihr aufopferungsvoll die Flucht aus Afghanistan anbietet, ist es also keine schwierige Entscheidung für Naru und ihren Sohn, zu gehen.

Es gibt doch noch gute Männer in Afghanistan. Das deutsche Militär ist verständnisvoll und ermöglicht den beiden die Flucht. Naru hatte eh nichts mehr, was sie in Kabul hält, und wir können mit dem beruhigten Gefühl aus dem Kinosaal gehen, dass die Geschichte abgeschlossen ist – und damit jedwedes politisches Potenzial schon wieder verlaufen ist, bevor die Credits anfangen.