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Andere Dinge oder anderes Sehen

Andere Dinge oder anderes Sehen

Andere Dinge oder anderes Sehen

von Anna Stocker

Wie über einen Film schreiben, der wichtige Themen anspricht, aber schlecht gemacht ist? Es gibt die Position: Dies ist ein wichtiges Thema und der Film macht dieses Thema niedrigschwellig für ein breites Publikum zugänglich. Aber muss ein Film nicht auch in der Form etwas wagen, wenn er ernstgenommen werden möchte?

Es beschleicht mich ein seltsames Gefühl, wenn ich den Figuren im Berlinale-Eröffnungsfilm No Good Men dabei zuschaue, wie sie an der gesellschaftlichen Realität leiden, dabei aber der Kitsch überwiegt. Die politische Situation in Afghanistan kurz vor der Machtübernahme der Taliban 2021 wirkt wie eine Kulisse für eine Liebesgeschichte gegen Widerstände. Weil könnten zwei sich einfach verlieben und zusammenkommen, das gäbe ja noch keinen Film. Oder umgekehrt: Ein Film über gesellschaftliche und politische Verhältnisse wäre ja langweilig ohne persönliches Gefühlsdrama. In No Good Men müssen dann also eine Begegnung mit einem Taliban-Kämpfer, ein Selbstmordattentat auf eine Hochzeit und die verzweifelte Situation am Flughafen in Kabul herhalten, um diese lauwarme Liebesgeschichte ein bisschen zu dramatisieren. Obwohl der politische Kontext real ist, berührt er mich hier nur selten, zu sehr wird er instrumentalisiert, um die ‚großen Gefühle‘ hervorzurufen. Aber was soll denn in mir nun Rührung hervorrufen, die Verzweiflung der Menschen, die vor den Taliban fliehen wollen, oder dieser Kuss ohne Happy End? Kitsch nimmt hier die Realität nicht ernst, er schlachtet sie zu seinen Gunsten aus.

Ruth Beckermann beginnt ihren Film Wax & Gold mit einem Zitat von Pierre Bourdieu: „Von den Dingen anders zu berichten heißt, andere Dinge zu berichten.“ Und das könnte ganz gut auch ein Motto der diesjährigen Berlinale sein. Denn hier gibt es viele ‚andere‘ Dinge zu sehen, auch wenn sich fragen ließe: anders für wen? Viele Filme behandeln explizit ein politisches Thema. Es geht um die begrenzten Möglichkeiten von Frauen in Afghanistan (No Good Men), in der DDR (Frauen in Berlin) oder in der österreichischen Unterschicht (Liebhaberinnen). In Mexiko (Everything Else is Noise) und den USA (The Moment) haben es Frauen mit Männern zu tun, die sie übertönen. Verschiedene Menschen erfahren Systemumbrüche, in der DDR/BRD (Im Glanze dieses Glücks) oder in Äthiopien (Wax & Gold). Andere sind von rassistischer Gewalt (Forest up in the Mountain), Mehrfachdiskriminierung (Lola und Bilidikid) oder Armut und instabilen politischen Verhältnissen (Crocodile) betroffen.

Das sind ein Haufen ‚anderer‘ Dinge verglichen mit dem, was das Kino vor fünfzig oder hundert Jahren gezeigt hat. Doch die Frage, die mich interessiert, ist: Eröffnen mir diese Filme auch einen anderen, neuen Zugang zur Welt? Vielleicht verstehe ich das Bourdieu-Zitat falsch, aber bezogen auf das Kino macht es für mich nur umgekehrt Sinn: Andere Dinge zu berichten heißt, von den Dingen anders zu berichten. Die Dinge können noch so ‚anders‘ sein, wirklich interessieren tun sie mich im Kino nur, wenn ich sie auch anders sehen kann.

Das nigerianische Kollektiv The Critics hat, auch als Kritik an den Mainstream-Produktionen des Landes, damit begonnen, eigene Filme zu drehen. Zwar nehmen sie sich große Hollywood-Produktionen zum Vorbild, Joker oder Star Wars, doch erschaffen zugleich etwas ganz anderes. Die Handlung ist hier weniger wichtig, vielmehr geht es um effektvolle Gefühlserzeugung nach Vorbild des Genre-Kinos, nur dass man hier pausenlos affiziert wird. Spektakel, Drama und Action wechseln sich rasant ab. Aber diese Filme findet man nur auf YouTube. Auf der Berlinale läuft der Dokumentarfilm Crocodile, der über die Filmarbeiten von The Critics nur berichtet, und dies eher konventionell. Der Film ist eine Kollaboration von The Critics mit der Filmemacherin Pietra Brettkelly. Meist haben The Critics die Kamera selbst in der Hand und ihre anarchische Energie überträgt sich auch in die wilden Kameraführungen und einen schnellen, sprunghaften Schnitt. Doch dann lässt sich der Film formal nicht mehr viel einfallen. Chronologisch wird die Entstehung des Kollektivs und das Heranwachsen der Kollektivmitglieder erzählt, es bahnen sich Konflikte an und werden überstanden. Das funktioniert auch alles gut und ich bin wie die meisten im Publikum ziemlich hingerissen von der hier präsentierten Arbeitsweise und zwischenmenschlichen Dynamiken der Critics. Aber das, was mich begeistert, ist der filmische Gegenstand, nicht die filmische Form. Es bleibt ein relativ klassisch erzählter Dokumentarfilm, was umso seltsamer ist, da es doch hier um ein Filmkollektiv geht, das in seiner Formsprache ziemlich eigenwillig unterwegs ist. Und wie sah denn diese Kollaboration aus? Wie kam eine Neuseeländerin mit Jahrgang 1965 mit nigerianischen Jugendlichen zusammen? Was waren die Diskussionen und Auseinandersetzungen im Prozess dieses Filmprojekts? Diese Fragen hätten mich doch auch interessiert!

Anders macht es Ruth Beckermann in Wax & Gold. Beckermann weiß natürlich, dass man nicht einfach einen Film über Äthiopien, so als Ganzes, machen kann. Also wählt sie einen spezifischen Ort, das Hilton Hotel in Addis Abeba und verknüpft von hier aus ihre persönliche Perspektive mit dem Politischen, Interviews mit Archivaufnahmen, Vergangenes mit Gegenwärtigem. Doch diese persönliche Perspektive hat auch etwas Befremdliches, wenn sie von ihrer kindlichen, exotisierenden Faszination für den ehemaligen Kaiser Haile Selassie ausgeht. Brauchen wir denn diesen Blick von außen, auf ein ihr fremdes Land? Zu ihrer Außenperspektive passt es dann ganz gut, dass sie das Hotel kaum verlässt. Vielleicht ist es dort bequem, im Hotel dieser internationalen Kette mit Annehmlichkeiten, die sich wahrscheinlich überall auf der Welt gleichen und Begegnungen mit Fremden, wie es sie überall in Hotels gibt. Im Hotel kann man sich vorübergehend aufhalten ohne wirkliche Nähe herzustellen oder sich mit der eigenen Position auseinanderzusetzen. Einmal fragt sich Beckermann dann selbst, was sie als Österreicherin eigentlich dort in Äthiopien mache. Und ich frage mich das auch.