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Mein Abspann singt

Mein Abspann singt

Mein Abspann singt

von Moritz Nehlich

Als ich am Donnerstagmorgen für Meine Frau weint in die Urania eintrudelte, war die Lage leider schon kritisch, alles rappelvoll und dank Späteinlass blieb mir nichts als eine der ungeliebten vordersten Reihen. Das Schicksal kannte ich beim Festival dank der automatischen Platzzuweisung im Berlinale Palast zwar bereits, aber wann immer man mir die Option gibt, zieht es mich von Natur aus eher weit nach hinten. Irgendwie mochte ich es schon immer, die vielen Köpfe zwischen mir und der Leinwand zu sehen, quasi als Erinnerung daran, dass wir diese paar Stunden im Dunkeln gemeinsam teilen. Diesmal saß ich dann leider ungewollt ganz weit vorne, mit Blick weit nach oben auf das Bild gerichtet, um Angela Schanelecs neuesten Film zu sehen. Direkt nach der Weltpremiere war schon viel geredet worden, von Lobeshymnen aus dem Freundeskreis und auf Letterboxd bis hin zu irritierten Kritiken und der Twitter-Entgleisung des omnipräsenten Tilo Jung, der den Film gar als kollektive Fremdscham und „Tiefpunkt der 76-jährigen Festivalgeschichte“ bezeichnete.

Über die Story des Films, sofern es denn eine solche gibt, kann ich heute nicht mehr besonders viel sagen. Es bleiben stattdessen die Momente dazwischen und drumherum im Kopf: Der lange Weg mit dem geschobenen Fahrrad, die Geschichte des Tänzers und des Unfalls. Das Geburtstagsständchen in der Mittagspause, die Geräusche der Baustelle wie Bombeneinschläge im Hintergrund. Der Tanz zu Leonard Cohen, das spätsommerliche Abendlicht. Der Alptraum mit dem Schlachtfeld, die zusammengeflickten Körpersplitter.

Wie all das zusammenhängt oder nicht, fällt mir beim besten Willen nicht mehr so recht ein. Beim Schauen hallten mir die pointierten, präzisen Dialoge konstant im Kopf nach, als wären sie zu exakt geschrieben und vorgetragen, um sofort zu verschwinden; rezitieren könnte ich hier und jetzt trotzdem keinen einzigen. Was mir bleibt, sind die wohligen Gefühle, die selbst mein verschlafenes Ich an diesem Morgen immer wieder umfassten: wenn etwa zwei der Figuren durch eine Buchhandlung flanieren, gemeinsam auf dem Rad durch den Park fahren, einer Blaskapelle begegnen und tagträumerisch bei ihr verweilen, bis der Regeneinbruch alle aus dem Moment reißt. Das alles funktioniert in seinen Momenten völlig unabhängig von Figuren und Sprache, weil sie einfach schön eingerahmt existieren und verweilen dürfen und weder Schnitt noch Kamera noch Musik den Bann durchbrechen. Und dann springen wir auch schon weiter.

Man kann Schanelec durchaus vorwerfen, dass diese Undurchdringbarkeit ihre Botschaften verschwimmen lässt und die gewollte Distanz zwischen Figuren und Publikum da nicht gerade weiterhelfen. Vieles steht einfach in der Luft, allen voran das auf der Berlinale omnipräsente Thema Gaza. Ein Freund merkte direkt an, dass Tilo Jungs Rundumkritik geradezu ironisch ist, wenn Schanelec doch immer wieder in die Richtung gestikuliert, in die er mehrmals gefragt hatte. Ob farblich arrangierte T- Shirts, unablässige Live-Übertragungen aus Kriegsgebieten im Hintergrund und Wassermelonen in Fotos genug für eine fundierte These sind, ist eine andere Frage. Die deutsche Gleichgültigkeit und die ewige ‚Weitermachen’-Attitüde wird hier mindestens vorgeführt – wer hinschaut, kann hier jedenfalls mehr herausziehen als Schanelecs Figuren preiszugeben scheinen. Einer meiner Lieblings-Indierockbands der sogenannten Hamburger Schule wurde mal in einer Kritik bescheinigt, dass Hamburger manchmal einfach schwer zu verstehen sind. Vielleicht ist es ja bei der Berliner Schule einfach auch so.

Für mich blieb nach circa 90 Minuten Rätselraten und Schwelgen vor allem eines im Gedächtnis: Ich, in der zweiten Reihe, weit in den Sitz gerutscht, der Blick nach oben gerichtet. Die Credits rollen sich als schnörkeliges Kursiv herunter, für mich kaum zu entziffern. Dazu läuft plötzlich kein gediegener Leonard Cohen mehr, sondern peitschende elektronische Alternative-Musik, die sich minutenlang scheinbar endlos zuspitzt und sich auf einmal doch melodisch und mit sonorer Stimme entlädt:

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I heard Berlin is still alright
I heard Berlin is still alright
If you’re thinking about
that kind of town

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Und irgendwie war trotz meiner Verwirrung, meines unerklärlich wohligen Gefühls, dem regnerischen Winter vor der Tür der Urania, und trotz des chaotischen Festivals dieses Berlin irgendwie in Ordnung, immer noch oder vielleicht jetzt erst wieder, dank Angela Schanelec.