Menu

Magazine 2026

Magazin 2026

Editorial

In den vergangenen Jahren wurde viel übers Streiten nachgedacht: Jürgen Kaube diagnostizierte in der FAZ intellektuelle Trägheit, Diedrich Diederichsen sezierte im Merkur öffentliche „Denkfehler“, und Armin Nassehi lamentierte im Spiegel über den Mangel an Sachkenntnis und die bloße Simulation echter Auseinandersetzungen. Im Missy-Magazine sprach sich Philosophin Juliane Rebentisch im Kontext des Gaza-Kriegs für bessere Streiträume aus. Ob es der ewige Historikerstreit um die deutsche Vergangenheitsbewältigung ist, die juristische Auseinandersetzung der Post-Me-Too-Welt zwischen Amber Heard und Johnny Depp, der dazu führte, dass Heard ihre Stimme nicht mehr nutzen möchte, wie sie jüngst beim Sundance Film Festival verriet oder Taylor Swift versus Spotify: Streit und Debatte prägen unsere Kulturen und Gesellschaften wie kaum ein anderes Element des Alltags, der Identitätsbildung und der politischen Dynamik.

Doch wie lassen sich die „Frontlinien“ (Diederichsen), die unsere Debatten und Gesellschaft durchziehen, überwinden? Wie können Individuen und Gruppen überhaupt für ihre Interessen einstehen? Geht es nur noch darum, wer Recht hat oder moralisch auf der richtigen Seite steht?

Nein, hier geht es um mehr als um feuilletonistische Debatten in westlichen Metropolen: Es geht um politische und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, deren Folgen das Leben vieler Menschen unmittelbar prägen. Sparmaßnahmen im Sozial- und Kulturbereich führen zu Stellenstreichungen, kritische Meinungsäußerungen können Karrieren – besonders von rassifizierten Personen – beenden, und die gesellschaftliche Linke vermag kaum noch, ein wirksames Gegengewicht zur rechten Hegemonie zu bilden. Beispielsweise kämpfen Initiativen wie die Familie von Oury Jalloh oder die Hinterbliebenen des NSU und von Hanau seit Jahren um juristische Gerechtigkeit und Konsequenzen, die bis heute ausbleiben oder Frauen und trans Personen nach wie vor um Gleichstellung. In Gesellschaften, in denen der Status quo für viele unerträglich geworden ist, sprechen wir längst nicht mehr von Meinungsstreit, sondern von Kämpfen mit politischen Führungen, wie jenen, die im vergangenen Jahr unter dem Label „Gen Z-Proteste“ Regierungen zu Fall brachten.

In dieser Ausgabe widmen wir uns unterschiedlichen Ausdrucksformen gesellschaftlicher Unzufriedenheit: Streit, Protest und Widerstand. Zain Salam Assaad analysiert die „Gen Z- Proteste“ in Nepal, Nelli Tügel fragt, wie Linke zugleich systemkritisch sein und das Bestehende gegen rechts verteidigen können. Magda Albrecht berichtet vom Protest ihrer Punkband gegen Kürzungen, Tung Le zeigt, warum Streit auch produktiv sein kann, und Dan Thy Nguyen beschreibt die diskursive Regression in diversitätspolitischen Auseinandersetzungen im Kulturbetrieb. Außerdem lässt T.J. Bohlen in einem fiktiven Gespräch Klaus Kinski, Fritz Lang, Fassbinder und Co. über das Verhältnis von KI und Kino streiten. Nadin Mai denkt über das revolutionäre Potenzial des „Slow Cinema“ nach, und
Enrico Ippolito regt mit seiner intimen Kurzgeschichte „Streit!“ zum Nachdenken über verschiedene Streitkulturen an.

Viel Spaß beim Lesen!
Amina Aziz