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BEEF

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Von Tung Le

Einen Film zu drehen ist Teamwork und die Tätigkeit am Set oft von Hierarchien durchsetzt. Gleichzeitig können sich Streitigkeiten auch positivi auf die Produktivität auswirken. Ein Erfahrungsbericht mit Beispielen.

 „Beef“ – ein Begriff, der in der Alltagskultur längst seine kulinarische Herkunft verloren hat – steht heute sinnbildlich für zwischenmenschliche Spannungen, für Konflikte, die entstehen, wenn Emotionen, Grenzen und Machtverhältnisse in eine Schieflage geraten. Kommunikation versagt und Respekt wird zur Verhandlungsmasse – am Arbeitsplatz ebenso wie in kreativen Produktionsumgebungen. Besonders in hierarchischen Gefügen, etwa auf einem Filmset, treten die Bruchlinien sozialer Dynamiken offen zutage, und Meinungsverschiedenheiten können sich rasch zu destruktiven Auseinandersetzungen verdichten. So offenbart sich der Beef als Spiegel struktureller Ungleichgewichte und des menschlichen Ringens um Anerkennung, Einfluss und Würde.

Während meiner Laufbahn als Filmemacher habe ich mehr als genug Beefs auf dem Filmset erlebt: zwischen Regie und Schauspieler, zwischen Kamera-Team und Licht-Team, oder beispielsweise mein persönlicher Beef mit der Regieassistenz: Vor vielen Jahren arbeitete ich für eine Serienproduktion als Runner. Für die Filmlaien: die Runner oder auch Produktionsassistent*innen sorgen dafür, dass der Dreh so geschmeidig wie möglich abläuft. Schauspieler brauchen Kaffee? Irgendetwas fehlt am Set? Die Crew ist hungrig? Runner sind die Allerersten am Set und verlassen es als Letztes. Hört sich nach einer wichtigen Position an, bekommt aber am wenigsten Anerkennung und ist für gewöhnlich die unterste Sprosse der Leiter.

Damals hat die Regieassistenz von mir verlangt, die Straße mit einem Gartenschlauch zu nässen – und das obwohl es aus allen Kübeln regnete. Ich hinterfragte das, worauf es nur „Mach es einfach“ hieß. Letztendlich wurde die Straße im Film nicht einmal verwendet, also stand ich umsonst für zwei Stunden im Regen.

Es wird gerne schöngeredet, dass jede Position am Filmset unersetzbar ist und dass jeder gleichwertig behandelt werden sollte. Das Wort „Hierarchie“ wird gerne vermieden. Doch wenn in kürzester Zeit kostspielige Entscheidungen getroffen werden müssen, braucht es verantwortungsbewusste Entscheidungsträger*innen. Demokratische Teilhabe und Gleichbehandlung könnte womöglich zu Diskussionen führen, die Zeit und damit Geld kosten. Wenn also die Regieassistenz von mir verlangte, die bereits nasse Straße erneut mit einem Gartenschlauch zu nässen, musste ich das machen ohne es zu hinterfragen. Eine automatische und notwendige Hierarchie entsteht. Raum für Diskussionen oder Gefühle gibt es nicht. Mach deinen Job, oder jemand anderes wird es tun. Dieses Arbeitsklima war für mich extrem frustrierend und belastend.

Aus meiner Sicht war mein Beef relativ einseitig. Ich konnte die Regieassistenz nicht besonders leiden und habe ihn – soweit es möglich war – gemieden. Meine Aufgaben habe ich selbstverständlich pflichtbewusst erledigt und ich habe auf ihn gehört, aber einen ehrlichen Austausch, der mir unlogisch erscheinende Aufgaben besser verstehen ließ, gab es nie. 

Letzten Endes verbinde ich mit dem Dreh nur noch negative Gefühle und habe auch seitdem jegliche Treffen mit dem Filmteam gemieden. Ich habe mich als Produktionsassistenz während des Drehs überhaupt nicht geschätzt gefühlt – ich war unsichtbar für das Filmteam und ich denke, viele Produktionsassistent*innen können dieses Gefühl nachvollziehen. Die Hierarchien am Set sind zwar von einem ökonomischen Standpunkt aus sicherlich notwendig, doch auf menschlicher Ebene sind sie meiner Meinung nach ein Fluch, der eine ehrliche und nachhaltige Zusammenarbeit verhindert. Es fällt einem nicht sonderlich schwer, daraus zu schließen, dass Beefs lieber gemieden werden sollten. Ein respektvoller Umgang mit anderen Menschen sollte schließlich Standard sein.

Doch die Frage nach Streit, Diskussionen und Auseinandersetzungen am Set sind durchaus komplex und ambivalent. So beobachte ich auf der anderen Seite ein faszinierendes Phänomen: Beefs haben in der Geschichte des Films auch zu Meisterwerken geführt. Bekannte Beefs spielen sich meist zwischen Schauspieler*innen und Regisseur*innen ab. 

So erzählte die malaysische Schauspielerin Michelle Yeoh von ihrer Zusammenarbeit mit der Hong Konger Actionfilm-Legende Jackie Chan: „Er ist ein chauvinistisches Schwein“ und: „er sagte immer: ‚Frauen gehören in die Küche, Frauen sollten keine Actionfilme machen.‘“ Yeoh feierte im selben Jahr ihren internationalen Durchbruch mit dem Bond-Film Der Morgen stirbt nie neben Pierce Brosnan – ein Meilenstein für die Schauspielerin, die nicht als hübsches Bond-Girl gecastet wurde, sondern in der Rolle als chinesische Agentin als eine ernstzunehmende Schauspielerin.

 Ihr Durchbruch war ein Beleg für ihre Fähigkeiten als Stunt-Frau und eine direkte Antwort auf Chans paternalistische Äußerungen. 

Als sie 1992 endlich mit ihrem früheren Idol in Supercop 2 zusammenarbeitete, begann ein Beef zwischen den beiden, der ihre Karrieren über die nächsten Jahre herausfordern sollte. Denn Yeoh konnte Chans Kommentare nicht einfach auf sich sitzen lassen. Sie wollte sich beweisen. Also machte sie ihre Stunts selbst – einen waghalsigen Stunt nach dem anderen.

Während eines GQ-Interviews im Jahr 2022 beschrieb sie wohlwollend, wie die Rivalität die beiden antrieb, immer besser zu werden als der andere. Beispielsweise landete Yeoh in einem irrwitzigen Stunt mit einem Motorrad auf einem fahrenden Güterzug – das gefiel Chan überhaupt nicht. Er konnte sich nicht von seinem weiblichen Co-Star einfach so übertrumpfen lassen. Also überbot er ihren Stunt und hing hunderte Meter über der Stadt an einem fliegenden Helikopter.

„Es musste eine Balance zwischen uns geben,“ erzählte Yeoh, „ich glaube, wir konnten am Ende des Tages ziemlich gut damit umgehen.“ Es folgten Filme wie Crouching Tiger, Hidden Dragon und vor allem 23 Jahre später Everything Everywhere All At Once, für den sie einen Oscar erhielt.

Doch nicht immer entwickelt sich ein Beef zu einer gesunden Rivalität. Ein Beef, der in die Filmgeschichte einging, ist der zwischen Werner Herzog und Klaus Kinski.

Laut eigener Aussagen war Herzog dreizehn Jahre alt, als er mit seiner Familie in derselben Pension wie Kinski lebte. In seiner Dokumentation Mein liebster Feind (1999) reminisziert Herzog über einen Tobsuchtsanfall Kinskis, den er als Kind miterlebte und der stellvertretend für die zukünftige Zusammenarbeit der beiden stand: Ganze achtundvierzig Stunden lang soll Kinski im Badezimmer getobt haben. Er soll geschrien, randaliert und den kompletten Raum verwüstet haben. Dennoch entschied sich Herzog später für eine Zusammenarbeit. Aguirre, der Zorn Gottes (1972) war ihr erster gemeinsamer Film, fünf sollten es insgesamt werden.

Kinskis willkürliche Tobsuchtsanfälle und Angriffe auf Statisten sind bekannt. Er war eine unberechenbare Kraft auf dem Filmset, kaum auszuhalten. Herzog beschrieb ihn als Egomanen, der außer sich geriet, sobald er nicht mehr das Zentrum war. Jeder Moment, in dem es sich nicht um ihn drehte, war für ihn ein Affront. Und dennoch ließ Herzog ihn gewähren.

Am Ende der Dreharbeiten zu Fitzcarraldo (1982) boten die indigenen Statisten sogar an, Kinski zu töten. Herzog lehnte ab, schließlich musste er noch mit ihm drehen. Es ging so weit, dass selbst Herzog irgendwann Mordgedanken hegte und konkret plante, Kinski umzubringen. Glücklicherweise wurde dieser Plan durch einen Wachmann vereitelt, wie Herzog in Mein liebster Feind beschrieb.

Trotz der ganzen Animosität zogen sie sich immer wieder an. Denn dort, wo Kinski außer Kontrolle geriet, begann etwas Unwiederholbares. Herzog schrieb ihm in der Doku eine schüchterne, sogar zärtliche Seite zu – eine Wärme, die nicht zur Legende des cholerischen Monsters passen wollte, und nur Herzog konnte sie mit der Kamera einfangen, das wusste Kinski.

Diese Ambivalenz ist der Kern ihrer Freund- und Feindschaft, denn beide waren sich zumindest in einem einig: Es zählte nur das, was am Ende auf der Leinwand gezeigt wurde. „Ich habe die Herde zusammengehalten, und er hat sie magnetisch gezogen“, erzählte Herzog, ein nostalgisches Lächeln auf den Lippen. Eine Symbiose, die zu filmischen Meisterwerken führte.

Wo verbleiben wir nun, nachdem wir all das gelesen haben? Sollen wir Beefs vermeiden oder sie provozieren? Sollen wir unsere Menschlichkeit aufs Spiel setzen, um Großartiges zu erschaffen? Oder sind Beefs unvermeidbar, wenn ungesunde Hierarchien auf kreative Arbeit treffen?

Während diese berühmten Beefs faszinierend, sind sie auch Ausnahmen. Meisterwerke entstehen genauso durch gesunde Kooperation und respektvollen Umgang.

Tung Le

TUNG LE ist ein deutsch-vietnamesischer Autor und Regisseur, aufgewachsen in Ulm als Sohn vietnamesischer Gastarbeiter. Inspiriert vom Arbeitsleben seiner Eltern entdeckte er früh seine Liebe zum Film und zum kreativen Schreiben. Nach seinem Umzug nach Berlin 2018 studierte er SCREEN BASED MEDIA an der Berliner Hochschule für Technik. Seine Filme – darunter Ngáy Mai (2023) und Woodshed (2024) – thematisieren mentale Gesundheit, Familie und Selbstverwirklichung. Seit seinem Bachelorabschluss 2024 arbeitet er als freier Drehbuchautor und Regisseur an neuen Projekten, darunter sein erster Langspielfilm, gefördert vom „Kuratorium junger deutscher Film“.