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Streit!

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Streit!

Eine Kurzgeschichte von Enrico Ippolito

Vielleicht war ich etwa zwölf Jahre alt, als ich den Satz hörte, den meine Mutter ab dem Zeitpunkt ständig vor sich hin sagte: Die Menschen hier können nicht streiten. Es war ein Tag, wie jeder andere, ich kam aus der Schule zurück, machte meine Hausaufgaben am kleinen Küchentisch, die Plastiktischdecke klebte an meinen Heften, während meine Mutter im Wohnzimmer telefonierte. Ich versuchte, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren und nicht auf das Gespräch, das sie führte; ich versuchte, die Lautstärke aus meinem Kopf zu verbannen; ich versuchte, alles zu ignorieren; und ich versuchte, als sie aufgelegt hatte und die Feststellung aussprach, die sie ausgesprochen hatte, es nicht wörtlich zu nehmen.

Mir war es unangenehm, ein Gefühl, das mich auch später oft begleiten würde, weil meine Eltern es liebten, in jeder Situation, in jeder Lebenslage, mit allen zu diskutieren, zu streiten, weil sie keine Angst vor Konflikten hatten. Manchmal zu Recht, manchmal kam es mir kleinlich vor und manchmal schien es einfach nur aus einer Laune heraus zu entstehen. An der Kasse, wenn etwas nicht mit dem Endpreis stimmte oder ein Rabatt übersehen wurde; im Bus, wenn nicht Platz gemacht wurde für eine bedürftige oder ältere Person; oder einfach auf der Straße, wenn man ohnehin schon vom Leben genervt war.

Meine Eltern waren es so gewohnt, aus ihrem Land, wo der Oleander an Hauswänden emporragt, die Orangen blutrot waren, die Luft nach Bleiche, Salz und frisch von der Sonne erhitzten Teer roch. In dem Land stritt man, als ob es kein Entkommen gab, als ob das eigene Leben davon abhängen würde. Aber das hier war nicht das Land meiner Eltern, das hier war ein anderes Land, hier stritt man nicht.

Das ist kein Text über unterschiedliche Streitkulturen oder darüber, wie schlimm alles in dem Land ist, in dem ich aufgewachsen bin; beide Länder, das hier und das meiner Eltern, sind furchtbar, auf ihre eigenen und auf ihre gemeinsamen Weisen. Das ist, das soll, ein Text über die Unterschiedlichkeit von Streit sein, eine Beobachtung, eine Mediation, wenn man so will; ein Text, der etwas versucht, was schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt ist, weil so viele andere Faktoren außer Acht gelassen werden, die ebenfalls dazu führen, wie diskutiert wird. Und ein Text, der versagen wird, weil die Gefahr des Klischees, eines Festnagels an Stereotypen an jeder Ecke lauert.

Der Oleander blühte immer noch, als ich zu Besuch war, in dem Land, aus dem meine Eltern kamen. Wieder lauschte ich einer Diskussion, ungewollt. Du bist ein Faschist, rief jemand auf der Straße einem anderen Mann zu. Ich erschrak, blickte auf, der Himmel war blau, gelegentlich hörte ich ein Hupen in der Ferne, während ich versuchte, mich auf alles andere zu konzentrieren, was ich wollte, und die zwei Personen sich mitten auf dem Bürgersteig weiter anbrüllten. Ich erschrak nicht, weil ich den Satz Du bist ein Faschist als unverschämt empfand, wahrscheinlich war er einer; ich erschrak, weil der andere Mann einfach mit den Achseln zuckte und antwortete, Ja, und du bist ein dreckiger Kommunist, der alles zerstören will; und ich erschrak, weil der Kommunist und der Faschist nach etwa zehn Minuten einfach weiter die Straße entlangliefen, lachend, als ob nichts vorgefallen gewesen war, als ob die vorher ausgesprochenen Sätze keine Macht über sie gehabt hätten, nichts in ihnen ausgelöst hätte.

Ich spielte die Szene in meinem Kopf erneut ab. Dieses Mal waren die beiden Männer auf einer Straße, in dem Land, in dem ich aufgewachsen war. Und Sie? Sie sind ein Faschist, brüllte der eine, woraufhin der andere antwortete, Was fällt Ihnen ein, Sie Kommunist, Sie? Wie können Sie nur so was sagen?, sich umdrehte und seines Weges ging. Vielleicht würde der Mann über den Satz nachdenken, vielleicht auch nicht, aber er würde niemanden anderen daran Teil haben lassen. So stellte ich mir das vor.

In der Wohnung meiner Großeltern ging mir die Szene nicht mehr aus dem Kopf. Um mich abzulenken, schaltete ich den Fernseher ein. Eine Talkshow lief, das Thema habe ich nicht mitbekommen, ich sah nur, wie eine Politikerin einen Aktivsten ununterbrochen anschrie, sie rief Lügner, immer wieder Lügner, Lügner und noch einmal Lügner; der Aktivist konnte kaum ohne Unterbrechung reden, was mich ermüdete, er aber schien unbeeindruckt davon, redete einfach weiter, ließ seine Argumente weiter ihre Kraft entfalten, so als ob wir, die Zuschauenden ihn schon verstehen würden, wobei ich nicht viel mitbekam, aber dann schaute er zu der Politikerin, sprach sie direkt an, Jetzt, kannst du jeden Satz, den ich gesagt habe, auseinandernehmen und uns alle sagen, wo ich gelogen habe. Er grinste selbstgerecht, sie schaute irritiert.

Ich kann mir vorstellen, wie viele Menschen die von mir beschriebene Talkshow-Szene falsch finden werden, weil alle das Recht haben müssen ausreden zu dürfen, weil wir uns nicht einfach gegenseitig beleidigen dürfen, weil das der Streitkultur schadet, wenn die Argumente nicht gehört werden können, und wir uns einfach gegenseitig Begriffe an den Kopf werfen. Denn dann ist die Demokratie in Gefahr. Denn dann wird die angebliche neue Spaltung der Gesellschaft noch mehr vorangetrieben.

In vielen Situationen mag das stimmen, vor allem im Privaten. Eine Talkshow ist allerdings immer eine Performance, und einige Darstellungen sind unterhaltsamer als andere. Aber vielleicht, ganz vielleicht wäre es ganz gut, wenn wir uns unbequeme Dinge sagen könnten, wenn wir uns unterbrechen würden, denn die Variante, die angeblich die höflichere ist, hat nicht dazu geführt, es hier in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, besser zu machen. Die Streitkultur ist am Arsch. Zumindest die interaktive, die von Angesicht zu Angesicht passiert. Die Indirekte, die im Internet passiert, ist nicht am Arsch, sie lebt auf, alle können alles schreiben, ohne Hürden, ohne Angst, versteckt hinter der Anonymität, weshalb sie so unglaublich destruktiv erscheint. Das ist die Gemeinsamkeit aller, offenbar haben Menschen ein inneres Bedürfnis, sich mitzuteilen, egal wie hasserfüllt, aber nur wenn sie keinen wirklichen Widerhall erwarten, keine echten Konsequenzen fürchten müssen – wenn die Diskussion nur im Sendermodus verankert ist.

Vielleicht war aber die Streitkultur auch schon immer fehlbar, weil sie keine Grundlage hat, weil es gelernt ist, den eigenen Frust herunterzuschlucken, auf andere zu projizieren, weil es keine Debattenkultur gibt, weil es eher eine Kultur des Sich-Beschweren als des Streits gibt, und weil das ganze Land Streit als etwas Unproduktives anzusehen scheint, als etwas, das nur Kraft raubt. Aber vielleicht muss Streit nicht produktiv sein, ein Resultat hervorbringen, außer im besten Moment Katharsis erzeugen, was schon mehr als genug wäre. Sich dem Konflikt zu entziehen, einfach wegzugehen, bedeutet, es tangiert einen nicht, es berührt nicht, es bewegt sich nichts in einem. Deswegen gibt es kaum etwas Respektloseres, als sich einer Diskussion zu entziehen, einfach wegzugehen. Im Streit zu sein, sich darin zu suhlen, das bedeutet Einsatz, Verpflichtung. Wenn ich über Konflikt streite, meine ich nicht pure Gewalt, meine ich nicht eine immer wiederkehrende Form der Unterdrückung, sondern von einer utopischen Situation, einem Spiel, dessen Regeln von gegenseitiger Achtung, anerkennender Menschlichkeit geprägt sind.

Als ich beginne zu recherchieren, zeigen mir die Texte etwas komplett anderes: In dem Land, aus dem meine Eltern kommen, würde beziehungsorientiert, emotional, und indirekter diskutiert; in dem Land, in dem ich großgeworden bin, regelorientierter, direkt und sachlich. Auf der einen Seite fluide Regeln, Erfolg und Verständigung werden durch Vertrauensbeziehungen aufgebaut; auf der anderen zählt Effizienz, Zuverlässigkeit, logische Konsequenz.

Ich schiebe es zur Seite, habe das Gefühl, dass diese Sätze, dermaßen von Klischees umringt sind, dass es nur falsch sein kann. Nach Tagen kehre ich zu der Recherche zurück, habe zwar immer noch dasselbe Gefühl, aber ich erkenne etwas anderes, was mir vorher durchgerutscht war, oder ich nicht sehen wollte. Beziehungsorientierung, Regelorientierung.

Der Oleander ist immer noch da, aber spielt keine Rolle mehr, denn meine Großeltern leben nicht mehr. Ich bin älter, ich bin in einer Beziehung, ich streite gerne, ich erinnere mich an den Duft. Mein Gegenüber in diesem Augenblick, mein Partner, dessen Eltern aus dem Land kommen, in dem ich aufgewachsen bin, der es hasst zu diskutieren, es erinnert ihn an seine Kindheit, wo in der Wohnung alles immer laut war und er stumm, kauernd mit beiden Händen über den Ohren in seinem Zimmer saß.

November. Wir laufen über die Straßen, es regnet, ununterbrochen reden wir darüber, wie ich mich von ihm ignoriert fühle, warum genau, erinnere ich nicht mehr, aber was ich sicher noch weiß, der Moment, in dem ich ihn Arschloch nannte. Ich sagte wörtlich, Warum bist du so ein Arschloch?, und ich erinnere mich an sein Gesicht, fassungslos, gekränkt, und vor allem sauer. Obwohl ich nicht mehr ganz genau rekonstruieren kann, warum ich sagte, was ich sagte, bin ich mir hundertprozentig sicher, dass er in dem Moment einfach ein Arschloch war und ich es loswerden musste. Außerdem war ich schockiert, dass er offenbar nicht wusste, dass er ein Arschloch in der Situation gewesen war. Mir schien es offensichtlich, und ich hätte schwören können, wir seien uns einig.

Dieser Text soll nicht als Plädoyer missverstanden werden, als Erlaubnis, einander beleidigen zu dürfen oder Grenzen zu überschreiten. Es geht um das Aussprechen unbequemer Wahrheiten. Der Faschist weiß in beiden Ländern, was er ist, nur in dem einen will er es nicht hören.

Enrico Ippolito © Tobias Brust

Enrico Ippolito ist Schriftsteller, Journalist und Co-Herausgeber von »Delfi. Magazin für neue Literatur«. Sein Debütroman »Was rot war« erschien 2021 und war für den Rauriser Literaturpreis nominiert. In den letzten Jahren folgten mehrere Kurzgeschichten. Zuletzt veröffentlichte er seinen zweiten Roman »Modesta« im Korbinian Verlag. Er lebt in Berlin.