27 Forderungen für die 77. Berlinale 2027
27 Forderungen für die 77. Berlinale 2027
von Kai Yanson
1.
Mehr Sternchen! Ach was, NUR noch Sternchen. Sternchen machen den Einlass, Sternchen putzen die Klos, Sternchen rollen fortan den roten Teppich für sich selbst aus.
2.
Keine Sternchen! Keine Promis, keine Preise, keine Pailletten. Stattdessen Fokus auf das zumindest in diesem Kontext einzig relevante Wort auf ‚P‘: das PUBLIKUM.
3.
Auf Pressekonferenzen: Nur noch Fragen von minderjährigen Menschen zulassen.
4.
Kategorie abschaffen: fUrChTlOsE fRaUeN!
5.
Kategorie einführen: BLUTIGER BÄR – für Filme, die von Ländern (ko-)produziert worden sind, die sich ethisch-moralisch auf besondere Weise hervorgetan haben.
6.
In der Berichterstattung: Wortwitze mit Bär-Bezug reduzieren.
7.
Vor den Screenings: Das sedative Sponsor*innen-Jingle abschaffen!
8.
Nach den Screenings: Klarstellen, dass Q&A für ‚Questions & Answers‘ steht und nicht für ‚Qomment & Autobiography’. Publikumsfragen einfach gänzlich streichen – der Pöbel hat selten etwas Relevantes zur Kunst beizutragen.
9.
Autoritäre Screenings einführen: kein Popcorn, keine Nachos, kein Reden, kein Applaus, kein lautes Atmen, am besten gar kein Atmen, am besten kein Publikum; alles, was den Film stören könnte vom Saal fernhalten. Berlinale als
vollkommenes Vakuum für ungestörte Kunst.
10.
Anarchistische Screenings ermutigen: reden, flüstern, schreien, klatschen, jubeln, kotzen, prügeln. Alles kann, alles MUSS.
11.
Vor den Screenings: Eisverkauf aus dem Bauchladen! Warum nicht?
12.
Nach den Screenings: Von Moderator*innen angeleitete Q&As abschaffen. Mikros in die Menge werfen, Reinrufen ermutigen, Durch- und Übereinanderreden aushalten und anfeuern. Das Publikum des größten Publikumsfilmfestivals der Welt tatsächlich einbinden, gar wertschätzen; der Zivilgesellschaft unbeholfene, manchmal dumme, teils zu persönliche Fragen und Kommentare zugestehen. Im besten Falle demütig und peinlich berührt
feststellen, dass erst das Publikum die Berlinale zur Berlinale macht, die eben nicht Cannes und auch nicht Venedig ist und auch nicht sein muss und auch nie sein wird, es sei denn das Festival wird vorerst vertagt bis der Meeresspiegel so weit gestiegen sein wird, dass Berlin endlich direkt an der Ostsee liegt. Dann können die Übriggebliebenen und Klimageflüchteten auf den Trümmern des Postdam(m)er Platzes noch mal neu ausloten, ob ausgerechnet der fehlende Zugang zum Meer das ausschlaggebende Manko der Berlinale gewesen sein mag.
13.
Vom zukünftigen Publikum zur gegenwärtigen Presse: Als mögliche Abhilfe für die katatonische Apathie der verehrten Kolleg*innen Pressevorführungen und Vorführungen für Schulklassen zusammenlegen.
14.
Am Berlinale Palast: Beichtkabine für politische Bekenntnisse einrichten.
15.
Für die Demokratieförderung: Am ersten und letzten Festivaltag eine politische Verortung von allen Besucher*innen einfordern. Sollte sich im Laufe der Berlinale nicht mindestens eine (1) Position geändert haben, wird fortan
Hausverbot erteilt. Bei Wiederholungstäter*innen wenn es sein muss: lebenslang.
16.
Für die Psyche: Berlinale in den Sommer verlegen! (Es sei denn, es schneit oder es sonnt so schön wie 2026, dann geht sich auch der Februar aus.)
17.
Für die Politik: Berlinale in den Bundestag, den Senat und die Verwaltungen holen.
18.
Für die Öffentlichkeit: Berlinale im Berliner Fenster der BVG livestreamen. Alternativ: Da die Filmförderung ein Herzensanliegen des amtierenden Kulturstaatsministers zu sein scheint, warum nicht gleich bezahlten Sonderurlaub für ganz Berlin obendrauf?
19.
Embargo fürs Embargo: Rezensionen dürfen FRÜHESTENS vierundzwanzig Stunden nach einer Premiere veröffentlicht werden. Rezensent*innen müssen nachweisen können, dass sie während des Films wach waren, den Inhalt des Gesehenen halbwegs wiedergeben können und in den vierundzwanzig Stunden nach dem Screening eine Ruhezeit von mindestens acht Stunden eingehalten haben. Wer früher publiziert (selbst auf Letterboxd) sollte zärtliche Elektroschocks erhalten.
20.
Dem nächsten Skandal vorauseilender, interner Preis: Goldener Bärendienst, beispielsweise für Jury-Mitglieder und/oder Jury-Vorsitzende.
21.
In der internen Kommunikation: Wortwitze mit Bär-Bezug sanktionieren.
22.
Relevanz entsteht durch Relevanz: Sämtliche Berichterstattung, die nichts mit der Berlinale zu tun hat, für die Zeit des Festivals einstellen – zumindest für regionale Medien. Oder gleich: Flugblätter für die ganze Republik, Live-Ticker
auf allen digitalen Kanälen; Berlinale nicht nur in den Kiez, sondern auch an den Küchentisch holen.
23.
Spartanische Sitze: Um ständiges Wegnicken einzudämmen, sollten alle Screenings in der UBER EATS MUSIC HALL stattfinden, sofern die UBER EATS MUSIC HALL im kommenden Jahr weiterhin UBER EATS MUSIC HALL
heißen sollte. Alternativ kann auch jeder andere trostlose, spätkapitalistische Klappstuhlsaal herhalten; an diesen Orten mangelt es Berlin schließlich nicht.
24.
Spa-Sitze: Alle Sitze an allen Spielstätten mit Massagesesseln ausstatten, welchen die nicht nur den Rücken, sondern auch Gesäß und Waden massieren. Ein durchgeknetetes Publikum ist ein gut gelauntes Publikum.
25.
Neuer, kecker, leicht ironischer Preis: Der eiserne Bärenzwinger für diejenigen Filmemacher*innen aus dem Globalen Süden, die ständig auf Festivals eingeladen werden, jedoch nie auf dem europäischen Kinomarkt Fuß fassen
werden, weil sie schlicht und ergreifend nicht eingekauft werden.
26.
Im Strafrecht: WORTWITZE MIT BÄR-BEZUG MIT DEM TOD BESTRAFEN!
27.
An alle Beteiligten und selbst an alle Unbeteiligten (warum nicht?): Niemals aufhören, Forderungen an die Berlinale zu stellen.
