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All Shook Up

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von Moritz Nehlich

Eine der Grundsäulen des US-amerikanischen Schöpfungsmythos besagt, dass die ersten Pilgerväter, die im 17. Jahrhundert von England nach Nordamerika emigrierten, im Grunde keine andere Wahl hatten. Sie wären in der Heimat politisch verfolgt worden und hätten nur in der transatlantischen Ferne ihre Religion und ihren Way of Life frei ausleben können. Die Legendenbildung der frühen US- amerikanischen Kolonien ist natürlich eine verlockende Geschichte, von der Idee des ersten Thanksgivings über den Unabhängigkeitskrieg bis hin zur modernen Demokratie. Eine teleologische Linie, zusammengehalten von einem Glauben an Gott, die christlich-weiße Manifest Destiny und die Freiheit der Neuen Welt. Dass viele diese Gruppierungen gleichzeitig puritanische Extremist*innen waren, die ihre ultramoralistischen Vorstellungen frei ausleben (und anderen aufdrücken) wollten, fällt da gerne unter den Tisch.

150 Jahre nach der ersten Überfahrt der Puritaner*innen folgte die religiöse Sekte namens United Society of Believers in Christ’s Second Appearing – oder, etwas kompakter: Shakers – dem Ruf der Kolonien. Die Gruppe rund um ihre Anführerin Ann Lee sah sich im heimischen Manchester dem Argwohn der Church of England ausgesetzt, die unter anderem die weiblichen Priesterinnen der Sekte ablehnte und mit Ann Lee persönlich ein gravierenderes Problem hatte: Sie sah sich als wiederauferstandenen Heiland, Jesus Christus’ Wiederkehr auf die Erde als Frau. Expressiv bis exzessiv gestaltete Gebetspraktiken kamen dem Bild der Shaker in den Augen der englischen Geistlichen sicher auch nicht besonders zugute.

Die norwegische Regisseurin Mona Fastvold bringt nun Ann Lees Geschichte als ihr Testament ins Kino, ähnlich episch und bedeutungsschwanger wie The Brutalist aus dem letzten Jahr, den Fastvold ebenso mit ihrem kreativen und ehelichen Partner Brady Corbet geschrieben und produziert hatte. Dabei ist die Erzählung von Ann Lees Lebens deutlich intimer gehalten und daran interessiert, ihre späteren religiösen Doktrinen aus ihrer Kindheit herzuleiten. Das Voice-over ihrer Glaubensschwester Mary beschwört zwar stets die mystische Bedeutung Ann Lees, aber gibt sich auch klar als unzuverlässige Erzählerin zu erkennen: Sie ist die treuste Anhängerin der Shaker, Ann Lees engste Vertraute, und spricht aus fast fanatischer Treue und Glauben an die Wahrhaftigkeit ihres Testaments. Da mischen sich schon gerne Fakten über historisch überlieferte Daten mit mystischer Fiktion – sie sprach wohl aller Wahrscheinlichkeit nach nicht urplötzlich 72 Sprachen.

Fastvold stellt sich die gewünschten Episoden des Lebens passend zusammen, um das Bild einer religiös überzeugten Frau zu zeichnen, die schon in Kindertagen vom gewaltvoll scheinenden Geschlechtsverkehr ihrer Eltern verstört ist, sich aber trotzdem zunächst der staatlichen Kirche und der Institution Ehe hingibt. Doch nach mehreren Fehlgeburten und früh verstorbenen Babys scheint ihr Mann Abraham wenig bereichernd, und die Entdeckung der alternativen Religionsgemeinschaft der Shaking Quakers um Mother Jane Wardley öffnet stattdessen neue Pforten zur spirituellen Erfüllung. Der exaltierende Gebetsstil, bei dem Sünden offen gebeichtet und mit ruckartigen Bewegungen Gebete und Katharsis kollektiv vollzogen werden, ist dabei genau die Abkehr von den starren Katechismen der Kirche, die sie gesucht hatte.

Choreografin Celia Rowlson-Hall nutzt diese expressive Ausdrucksweise als Ausgangspunkt für raumgreifende Tanzinszenierungen, die irgendwo zwischen moderner Pop-Choreo und den überlieferten Bewegungsrhythmen der Shaker angesiedelt sind. Es geht weniger um die möglichst akkurate Repräsentation der eher rigiden Gebetsprozessionen als eine authentische audiovisuelle Vermittlung des Gefühls der gemeinschaftlichen Exaltierung. Die Rhythmen wirken stets im Moment erdacht, vom eigenen Atem und Körper geleitet, entgleiten dann aber in Richtung vollwertiger Musicaleinlagen. Die musikalische Ebene ist wiederum von Daniel Blumberg unter Verwendung alter Shaker-Lieder erdacht, aber auch hier eher inspiriert als originalgetreu umgesetzt. Seine Interpretationen von historischen Stücken unterstreichen den gemeinschaftlichen Charakter der Gebetsszenen mit choralen Gesängen und einer großen Bandbreite an Streichern und Percussions, die nie hochpoliert wirken, sondern ein räumlich-hallendes Gefühl des Hier und Jetzt vermitteln. Die überlieferten Liedtexte passen dabei selten genau auf die narrativen Entwicklungen, drücken stattdessen ganz dem Genre des Musicals entsprechend die nicht anders erzählbaren Gefühle der Figuren aus. „Hunger & Thirst“ markiert beispielsweise Ann Lees göttliche Visionen, die ihr inmitten eines Hungerstreiks im Gefängnis von Manchester erscheinen. Was logischerweise eine Müdigkeitserscheinung durch den wortwörtlichen Hunger sein müsste, wird im Film zur magischen Performance für die Kamera, in der sie vielmehr nach einem neuen Glauben lechzt und von Gott höchstpersönlich erhört wird.

So beginnt ihre tatsächliche religiöse Neuerfindung: Der einzige Weg in den ewigen Himmel, so ist Ann Lee überzeugt, führt über die absolute Enthaltsamkeit, das Zölibat als universelle Lebensweise. Ein Ausweg also aus der irdischen Sünde, die bis auf Eva im Garten Eden zurückgeht, und gleichzeitig aus einer Welt, in der Frauen zur Ehe, zum Sex, zum Kinderkriegen gezwungen werden und wie im Falle Ann Lees nach Jahren des physischen und seelischen Schmerzes trotzdem nicht mehr als vier tote Kinder zu Buche stehen. Fastvold verbindet diese Ebenen geschickt als unbewussten Weg Ann Lees zu einer Weltanschauung als Bekämpfung ihres eigenen Leids, die von ihrer gläubigen Umgebung sofort als bare Münze anerkannt und wenig angezweifelt wird. Legendenbildung lässt schließlich selten Platz für die ganz großen Zweifel. 

Der echte Startschuss der Bewegung und des Films kommt wiederum mit der Übersiedlung nach Amerika, wo sich die Shaker mit ihrer frischgekrönten Heiländin weniger Verfolgung durch die Kirche und mehr zu bekehrende Seelen erhoffen – natürlich alles in weiteren Visionen prophezeit. Mit der Gründung einer Niederlassung in Niskayuna im heutigen US-Bundesstaat New York begann die erfolgreichste Zeit der Sekte, die sich über die nächsten Jahrzehnte mit bis zu 4000 Gläubigen in den kolonialen Neuenglandstaaten ausbreitete. Der Film ist bemüht, früh zu betonen, dass die Überzeugungen der Sekte für ihre Zeit recht progressiv waren, indem ihre Ablehnung gegenüber dem Sklavenhandel und die kooperative Beziehung zur indigenen Mohawks-Bevölkerung umrissen wird. Und tatsächlich ist nicht nur die geschlechtliche Offenheit für weibliche spirituelle Anführerinnen bemerkenswert, auch die Akzeptanz anderer Gläubiger, die in Wintermonaten in den Shaker-Gemeinden unterkommen durften und sie im Frühling wieder verließen, ist historisch überliefert. Ihr strikter Pazifismus wird gegen Ende des Films sogar der Hauptkonflikt zwischen der Sekte und dem Rest der Kolonien, die Krieg gegen das britische Imperium führen – jedoch trügt das Bild einer utopischen Gesellschaft, die alle respektiert und im Einklang mit der Natur lebt.

The Testament of Ann Lee erwähnt beispielsweise die Mohawks, auf deren Land die erste Niederlassung errichtet wird, mit nur wenigen Sekunden, in denen Indigene mit stereotyper Federhaube im gleißenden Licht gezeigt werden. Ihre Rolle zeigt sie als großzügige Kollaborateure, die der Gemeinde handwerkliche Hilfe leisten und sofort wieder verschwinden. Dabei wird unterschlagen, wie auch die Shaker trotz allem Pazifismus Teil der christlich-weißen Expansion waren und auf fremdem Land ihre Aufgabe darin sahen, möglichst viele Menschen mit ihrem Glauben zu bekehren – umso mehr, da die Enthaltsamkeit keinen eigenen Nachwuchs erlaubte. Passend ist eine der Visionen der Gläubigen ein starker Baum, dessen Wurzeln tief in die Erde greifen und dessen Äste stark und dicht sind. Auf welchem Boden dessen Stamm unweigerlich fußt? Nebensächlich. Gleichzeitig beeinflusste die Sprache der umliegenden Stämme die Liedtexte der Shaker, die häufig Wörter und Silben im Stil der übernatürlichen Zungenrede verwendeten. Ihre materielle Existenz und kulturelle Identität ist untrennbar mit der indigenen Bevölkerung verwoben, kommt bei Fastvold aber nicht über schemenhafte Andeutung hinaus.

Und trotzdem fällt diese begrenzte Perspektive und undistanzierte Erzählung wenig auf, selbst wenn der Film irgendwann die ganz tief gehende Figurenbildung aufgibt und zur bloßen Chronologie von Ann Lees späterem Leben verkommt. Denn die lichtdurchfluteten, körnigen Bilder, die niemals weniger mitreißend werdenden Choreographien und Gesangseinlagen verlieren nie ihre Sogwirkung und lassen das Bild zuverlässig alle paar Minuten auf eine Weise aufblühen, die es selten anderswo zu sehen gab. Vielleicht liegt genau darin die Verführung: Die moderne Interpretation von Musik und Tanz hilft dabei, den Fokus auf all die Unterschiede zwischen den Shakers und ihren fatalistischen und patriarchalen kolonialen Zeitgenossen zu lenken. Besonders inmitten aktueller Trends, in denen auf TikTok Frauen reihenweise bekennen, lieber mit einem Bär allein im Wald zu sein als mit einem Mann und mit Begriffen wie Heterofatalismus der heterosexuellen Liebe gänzlich abschwören, wirkt selbst die voluntary celibacy wie eine vielversprechende Alternative. Die trotzdem verstörende Verquickung von tiefem emotionalem wie physischem Schmerz und konservativer Überzeugung, die Ann Lees zwanghafte Keuschheit motivierte, bleibt so auch mal kurz auf der Strecke. Da rutscht der Film schon auch mal in eine Girlboss-Tendenz ab, die Ann Lees durchaus beeindruckende Errungenschaft wider der patriarchalen religiösen Zeit lieber feiert als Dinge wie die strikte geschlechtliche und Rollentrennung in ihrer Religion weiter zu hinterfragen.

Fastvold entlockt den Grundzügen der Religion und Ann Lees Lebensgeschichte am Ende eben doch eine Great-Woman-Erzählung, die Form und Inhalt ideal aufeinander abstimmt und es schafft, ihre Anziehungskraft auf die Leinwand zu bringen: Die Erzählung einer Frau, die aus persönlichem Leid kollektive Kraft erschuf, eingefangen als dynamisches, verführendes Folkmusical. Wenn zum Ende Ann Lees Werk vollbracht ist und ein letztes Mal das musikalische Motiv als choraler Gesang mit exakter Massenchoregraphie erklingt, kann man auch im Publikum nicht anders als ein wenig beseelt aus dem Saal zu gehen – puritanischer Expansionismus hin oder her.