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Staying out of Politics?

Staying out of Politics?

Staying out of Politics?

von Ranjan Dutta-Roy

Es ist natürlich bezeichnend für unsere diskursive Gegenwart, dass peinlich berührende Pressekonferenzen, offene Briefe und schlagzeilenträchtige Dankesreden mehr Aufmerksamkeit erregen als irgendwelche Filme, egal, ob sie nur auf der Berlinale liefen oder bereits einem breiteren Kinopublikum zugänglich sind. Das Realpolitische insistiert in Form von viralen Soundbites, dem Unwillkürlichkeitscharakter und distinkten Klang der meist falschen Worte. Es hätte sicher wärmere, richtigere, differenziertere, auch emotional oder persönlich aufrichtigere gegeben als die von Puszczyńska, Wenders und der Festivalleitung kopf- und kragenlos hervorgebrachten, welche dem medialen Echo des Events fortan die erwartbaren Bahnen des Kulturkampfes vorprägten. Die Debatte über eine zunächst ausgebliebene förmliche Anerkennung der Leidtragenden des Krieges in Gaza seitens der Kulturinstitution ist gerade unter dem Eindruck einer selektiven oder lediglich performativen politischen Positionierung in anderen Konflikten insofern zwar verständlich, in der Konsequenz verlief und verläuft sie jedoch enorm plakativ. Über Wenders’ initialzündliche Äußerung zum Verhältnis von Film und Politik könnte man, anders als die intuitive Zustimmung von vehementen Verteidigern Israels und der Spott von pro-palästinensischer Seite vermuten ließen, derweil durchaus produktiv diskutieren. Jenes ist nämlich keinesfalls offensichtlich oder unproblematisch, wie sich an konkreten Festivalbeiträgen ablesen lässt.

Auf institutioneller Ebene und ihrer öffentlichen Ausrichtung ist die Berlinale aus Finanzierungsgründen politisch selbstredend compromised – ein Umstand, von dem man bisher annahm, ihn zu tolerieren und gleichzeitig hoffend zu unterstellen, die Auswahl der Filme würde dennoch heterogen und einer wenn überhaupt universalistisch-humanistischen Ideologie verschrieben ausfallen, sei der eigene verkraftbare Kompromiss. Ebenfalls auf der Hand liegt, dass ein Filmfestival dieser Größe und Selbstwichtigkeit mit den Hauptsponsoren MasterCard, Armani und Cupra ein in gewisser Hinsicht dekadentes Unterfangen ist, das bei einem Verlauf einigermaßen salon le plan kaum subversives Potenzial in sich trägt. Per Forderung nach solidarischen Lippenbekenntnissen in diese Widersprüche und teilweise Feigheit zu piksen, aber auch das Unvermögen von Individuen auf Pressekonferenzen sichtbar zu machen, politische Themen souverän diskursiv einzuhegen, bereitet eine gewisse Lust. Von politischem Film und seinen ästhetischen Bedingungen zu sprechen, hieße etwas anderes.

Das politische und propagandistische Potenzial des Films ist ein alter Hut. Griffith, Eisenstein und Riefenstahl schritten schon bald nach Erfindung des Kinematographen zur Tat und bebilderten virtuos wie eindeutig politische Ideologien. Wie unterscheidet sich der politische Film unserer Zeit – wir unterstellen, dass es ihn prinzipiell gibt – nun grundsätzlich vom Propagandafilm? „Dass er für die gute Sache kämpft!“ ist ein mit Verlaub unhaltbares Argument. „Dass er trotz in ihm wirksamen politischen Ideen nicht totalitär ist“ wäre zumindest eine mögliche Annäherung an eine unmögliche Frage. Was könnte Wenders diesbezüglich gemeint haben, als er von Film so irritierend als „counterweight“ zum Politischen sprach und proklamierte: „We have to do the work of people“? Eine good-faith-Interpretation: Noch die humanistisch geschulteste, liberalste Politik muss von Menschen als statistisch erfassbare Masse ausgehen. Isolierte Individualschicksale („Einzelfälle“ vs. Häufungen) sind für sie letztlich irrelevant. Gleichzeitig dienen sie seit jeher als emotionales Kapital der Propaganda. Auch Filme gehen tendenziell von Individuen aus. Wenn diese nun dezidiert als „Stellvertreter“, Märtyrer oder Märtyrerinnen beschwört werden, um eine politische Aussage zu bebildern, begibt ein Film sich unabhängig von seiner Ideologie auf heroisch-propagandistisches Terrain. Der Grad, zu dem er dies (kritisch) reflektiert und soziokulturelle Umstände dennoch ästhetisch wirksam macht, bestimmt möglicherweise sein politisches Potenzial.

Auf der Berlinale gab es freilich viele Filme zu sehen, die explizit mit politischen Themen umgehen. Drei besonders vieldiskutierte Werke bieten sich für einen Vergleich hinsichtlich ihrer ästhetischen Strategien an. Da wäre der Eröffnungsfilm des Festivals, No Good Men von Sharbahnoo Sadat: zahmer und „gut gemeinter“ konnte es kaum losgehen. Trotz seines thematischen Hintergrundes der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan 2021 besitzt der Film geradezu absurderweise nicht einen Hauch politische oder emotionale Sprengkraft. Keine Regung, kein Moment, kein Handlungselement, das sich lebendig und nicht vollkommen berechnet anfühlen würde. Die unsägliche Glätte der Geschichte und Bilder ist auch und insbesondere seinen Drehorten geschuldet: Hamburg, Hannover, Rostock und Elstal halten als Kabul her. Man muss kein Dogmatiker oder cinéma-verité-Essentialist sein, um in einer frühen Szene, in der die von Sadat gespielte Reporterin Naru eine Reihe von Straßeninterviews mit afghanischen Frauen durchführt, die offensichtlich mit Schauspielerinnen besetzt und gescripted sind, das ästhetische Problem dieser Scheinauthentizität und vertuschten Künstlichkeit besonders deutlich zutage treten zu sehen. Politisches Kino ist keineswegs ortsgebunden oder auf dokumentarische Formen begrenzt – im Gegenteil –, ein prätentiöser Versuch, über seine offensichtliche Konstruiertheit hinwegzutäuschen, eindimensionale Figuren so wie eine denkbar konventionelle Bildsprache, scheinen es als solches jedoch ziemlich gänzlich zu disqualifizieren.

Der Gewinner des Goldenen Bären, İlker Çataks Gelbe Briefe, stellt sein Thema der Zensur und politischen Einschüchterung im künstlerischen und akademischen Milieu unter ein raffiniertes Vorzeichen. Konsequent „Berlin als Ankara“ bzw. „Hamburg als Istanbul“ zu „besetzen“, ist ein origineller Einfall, der die Universalität des Verhandelten unterstreicht und den politischen Autoritarismus als global gegenwärtiges, gleichzeitig diffuses (außer Polizisten und einem unauffälligen Minister zu Beginn sehen wir keine politischen Vertreter des Regimes oder greifbare „Feindbilder“) Phänomen erzählt. Der gegenteilige ästhetische Effekt des „falschen“ Ortes zu No Good Men wird so erreicht; ein Grad der Abstraktion, der das Realpolitische realer macht. Nach einem starken Anfang verliert sich der Film in Hamburg/Istanbul leider zunehmend in Klischees und presst seine sympathischen Figuren in eine Abfolge privat-trivialer Plotpoints, wobei er in seinem ambivalenten Ende immerhin die große Ohnmacht und Ratlosigkeit erahnen lässt, die dafür verantwortlich zu zeichnen scheint.

Der dritte politische Film dieser Auswahl ist der wohl gelungenste: Abdallah Alkhatibs Chronicles From the Siege. Auch dieses Werk spielt mit dem politischen Faktor der Ortsspezifik bzw. ihrer Abwesenheit: Zwar lassen einige im Hintergrund platzierte Details auf Palästina bzw. Gaza schließen, doch expliziert der Film sich und seinen unter Besatzung stehenden Schauplatz sonst an keiner Stelle. Diese subtile, nicht auf affektive Weise dramatisierte Qualität überträgt Alkhatib gekonnt auf die Handlung und ihre Figuren. Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe, schicksalshaft, wie auch sie sich inmitten der Zerstörung und Vertreibung des Krieges als Heterogene und doch Gleiche begegnen. Beschuss, Hunger und Todesangst fühlen sich nicht wie Dramaturgie an, sondern indifferente Gegebenheit. Besonders eindrücklich – und den aktuellen Diskurs über das politische Potenzial von Filmen nicht vorwegnehmend, sondern bei weitem übersteigend – ist eine Episode in der Videothek des von Nadeem Rimawi gespielten Arafat. Die sich entfaltende Diskussion darüber, ob das Inventar der Videothek – alte Bänder, Pappaufsteller von Chaplin, Poster von Truffaut – als Brennmaterial für ein wärmendes Feuer herhalten soll, trifft den wunden Punkt aller kinematographischen Selbstzweifel. Die Frage, ob Film in seiner sentimental- eskapistischen Rolle als historisches Kulturgut in Flammen aufgehen darf oder muss, um einen funktionalen, materiellen Beitrag zum Überleben von Individuen zu leisten, ist das, worüber wir die ganze Zeit diskutieren. Und poetisch ist, was wehtut, weil konfligierende Gefühle darin enthalten sind.

Chronicles From the Siege zielt auf eine direkte, insofern realistische Form ab, spart an Erklärungen und Moralismus und stellt die entmenschlichenden, teils absurden Zwänge der Kriegssituation so auf eine ambivalente Weise heraus, die ihn zum wahrhaft politischen, nicht propagandistischen Film macht, der im Gegensatz zur Dankesrede des Regisseurs – die die Kraft des Films durch ihr aufgeheiztes Polit- und Medienecho leider eher hemmt – auch über seine konkrete Situation hinauszuweisen vermag.

Ein so ästhetisch produziertes surplus muss politischer Film anstreben, wenn er sich gegenüber dokumentarischen Clips (etwa aus Gaza) mit hohem aktivistischen und emotional agitierendem Einfluss als distinguierte Form erhalten will. Die verrannte Debatte, die dieser Tage um die Berlinale entbrannt ist, überschattet diesen wunderbaren Film und das Potenzial des Kinos als humanistische Schule, nicht Diskursmaschine.