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Warum Truly Naked es nicht schafft, sich frei zu machen

Warum Truly Naked es nicht schafft, sich frei zu machen

Warum Truly Naked es nicht schafft, sich frei zu machen

von Dana Margarete Adele Bulic

Selbst die Synopsis im Programmheft zu Muriel d’Ansembourgs diesjährigem Berlinale- Beitrag bereitet einen nicht auf den kompromisslosen Einstieg von Truly Naked vor: Man stolpert geradezu mitten in eine pornografische Szene hinein, die, abgesehen von der mit Gold übermalten weiblichen Darstellerin, die gängigen Klischees und Sprache der Mainstream-Sexfilmindustrie visuell und verbal reproduziert. Mit der obligatorischen Ejakulation des Mannes in das Gesicht der Frau setzt dann ein Bruch ein und wir bekommen einen sonst verborgenen Blick hinter die Kamera. Nach und nach wird dabei klar, dass es sich bei dem Kameramann um den jungen Alec handelt, der die Arbeit seines eigenen Vaters Dylan ganz selbstverständlich dokumentiert und inszeniert. Dabei weiß er genau, was er tut, in welchen Winkeln und Abständen er die Linse auf alle Involvierten halten und wie er jeden Frame schneiden muss, um am Ende ein für den Markt gewinnbringendes Produkt fertigstellen zu können. Truly Naked zeigt: Hier wird Business gemacht und nichts anderes.

Absurd, aber als Prämisse durchaus interessant, ist dabei nicht nur die Alltäglichkeit, mit der ein Sohn seinem Vater ganz selbstverständlich beim Sex zusieht, sondern auch, dass Alec wie nebenbei noch die Schule besuchen muss. Als es in seiner Klasse um eine Gruppenarbeit zum Thema Sucht geht und er sich für eine Auseinandersetzung mit dem zwanghaften Ansehen von Pornos entscheidet, insistiert seine Lehrerin auf eine Zusammenarbeit mit seiner Klassenkameradin Nina.

Die erfüllt alle Klischees einer jungen Gen-Z-Feministin. Nina ist tough, tauscht die Schuluniform gerne mal gegen ein Shirt mit empowernden Botschaften ein und erzählt Alec, dass sie keine Pornos konsumiert – auch keine feministischen. Die Glaubwürdigkeit ihrer Figur bröckelt spätestens dann, wenn sie erfährt, dass Alecs Vater ein aktiver Sexfilmdarsteller ist. An ihrer Neugier ist nichts auszusetzen, jedoch lässt die Schülerin im Folgenden genau jene kritische Haltung vermissen, die sie doch eigentlich verkörpern soll. Die neue Information scheint sie nicht im Geringsten zu überraschen und auch, dass Alec aktiv in die Produktion der Filme involviert ist, wird ihr irgendwann von ganz allein bewusst und nicht weiter hinterfragt. Nina scheint mit allem cool.

D’Ansembourg versucht, den eigentlichen Konflikt auf einer anderen Ebene auszutragen. Anstatt die durchaus interessante Filmidee aus mehreren Blickwinkeln zu beleuchten, lässt sie die Klassenarbeit irgendwann außen vor und konzentriert sich vor allem darauf, wie Alec und Nina sich näherkommen. Beim ersten gemeinsamen Sex schafft es Alec nicht, präsent zu bleiben und auf Ninas Bedürfnisse einzugehen, sondern fängt an, in seinem eigenen Tempo zu onanieren, um am Ende in ihr Gesicht abzuspritzen. Die Szene spiegelt den Beginn des Films, nur dass die Frau dieses Mal den Mann nicht anfeuert, sondern selbst gar nicht weiß, wie ihr geschieht. Sie ist daraufhin verständlicherweise empört – jedoch nicht allzu lange, denn als Alec sich zweimal kurz und knapp auf dem Schulflur mit einem schüchternen Blick entschuldigt, ist auch für Nina wieder alles in Ordnung. Eine Erklärung braucht sie nicht. Wahrscheinlich hat sie bereits verstanden, dass Alec, der in seiner extremen Ausgangssituation sinnbildlich für viele Männer steht, es ja nicht besser wissen kann, wenn seine ersten Berührungspunkte mit Sexualität ausschließlich von pornografischen Bildern geprägt sind. Die Regisseurin hat an dieser Stelle verpasst, einen Mechanismus zu finden, der deutlich macht, dass der Vorfall übergriffig war. Stattdessen wird er heruntergespielt und normalisiert.

Nicht erst jetzt scheint es Ninas Aufgabe zu sein, ihren Mitschüler mit ihrer weiblichen Empathie an eine intimere und komplexere Form von Sexualität heranzuführen. Problematisch ist hierbei zum einen, dass Nina in ihren jungen Jahren darüber bereits selbst alles zu wissen scheint. Zum anderen wird auf gefährliche Weise suggeriert, dass sie Alec ziemlich einseitig in Gesprächen und intimeren Momenten, mit Geduld und Verständnis einfühlsam einen anderen, einen besseren Weg zeigt. Man könnte hier fast schon von einer Form von Care-Arbeit sprechen. Abgesehen davon, dass diese Arbeit, unabhängig jeglicher Geschlechterkonstellation, niemals eine Beziehung auf Augenhöhe erzeugen kann, verschiebt sich an dieser Stelle der Diskurs weg von der eigentlichen Thematik.

Dass es etwa mehrere feministische Wellen gebraucht hat, damit Nina sich ihr Wissen selbst aneignen und mit ihrer eigenen Sexualität in der persönlichen und politischen Sphäre aufgeklärt auseinandersetzen kann, wird hier komplett ausgespart. Ebenso verborgen bleibt die konkrete Gefahr, die für Mädchen und Frauen von der Mainstreampornografie ausgeht. Über sie werden eindimensionale Sexualpraktiken und Machtverhältnisse vermittelt, die nicht mehr als inszenierte Performances wahrgenommen, sondern oft unreflektiert in die eigenen alltäglichen Begegnungen und Beziehungen übernommen werden. Das gilt zwar oft für beide Geschlechter. Die persönlichen mentalen und körperlichen sowie gesellschaftlichen Folgen sind aber vor allem für Frauen und Mädchen konkret. Alec wird bis zum Ende des Films von Nina an die Hand genommen. Er entscheidet sich zwar, nicht mehr mit seinem Vater zusammenzuarbeiten. Dass er sein Verhalten reflektiert oder sogar Verantwortung dafür übernimmt, fordert der Film jedoch nicht ein.

Andere Szenen, die versuchen, den Vater in ein kritisches Licht zu rücken, sind auch eher unentschlossen und setzen kein Gegenwicht. Starke Momente – wie etwa mit Lizzie, die als Sexdarstellerin deutlich macht, dass die Arbeit als Frau in der Branche äußerst komplex und durch das ungleiche Machtverhältnis in vielerlei Hinsicht widersprüchlich ist – erforscht der Film kaum weiter.

Truly Naked ist also durchaus gut gemeint, verheddert sich aber von Beginn an in seiner oft didaktischen Form, die sich durchgehend widerspricht und damit nirgends positioniert, dabei zu viele Bilder und Stereotype reproduziert. Was bleibt sind ein paar gut inszenierte, aber darüber hinaus ungenutzte Schockmomente und vor allem die Botschaft, dass es mal wieder die Frau ist, die den Mann mit all ihrem Wissen und ganz viel Mitgefühl aus jenem Elend holen soll, das er und seine Kameraden selbst erschaffen haben.