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Nepal-Proteste: „Der schwierigste Teil beginnt nach dem Protest“

Nepal-Proteste: „Der schwierigste Teil beginnt nach dem Protest“

Nepal-Proteste: „Der schwierigste Teil beginnt nach dem Protest“

Von Zain Salam Assaad

Proteste sind ein Gradmesser gesellschaftlicher Unzufriedenheit und ein fester Bestandteil politischer Streitkultur. Im vergangenen Jahr zeigte sich das besonders deutlich: Von Bangladesch über Nepal bis nach Peru und Marokko gingen junge Menschen auf die Straße, um gegen Korruption, wirtschaftliche Ausgrenzung und politische Stagnation zu demonstrieren. In Nepal zeigt sich die Entschlossenheit einer jungen Generation besonders deutlich. Zain Salam Assaad beleuchtet, wie die Jugend dort für ihre Rechte kämpft.

Tanzende Protestierende mit Piratenflaggen, ein brennendes Parlamentsgebäude, Liebespaare mitten im Protest – Solche Bilder und Videos aus Nepal zirkulierten im September 2025 im Netz. Diese Ästhetik der Proteste stieß sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in den Nachrichten auf Resonanz. Über Jahre haben sich politische Erschöpfung, wirtschaftliche Frustration und soziale Unsicherheit aufgebaut. Doch wie prägt das bis heute das Verhältnis einer ganzen Generation zum Staat?

Das ist passiert

Im September 2025 gingen Zehntausende Menschen landesweit auf die Straßen. Human Rights Watch berichtete von unverhältnismäßiger Gewalt gegen Demonstrant*innen und wahllosen Schüssen durch Sicherheitskräfte bereits am ersten Tag. In Kathmandu und anderen Städten kam es zu Angriffen auf Regierungsgebäude, Unternehmen, Politiker*innen und Journalist*innen. Aktivist*innen berichten, dass es sich dabei teils um gezielte Hijacking-Versuche gehandelt habe, um die Protestbewegung zu verleumden oder zu vereinnahmen. Laut offizieller Angaben wurden innerhalb von zwei Tagen mehr als 72 Menschen getötet und über 2.100 verletzt. Letztlich trat Premierminister K. P. Sharma Oli zurück, die ehemalige Oberste Richterin Sushila Karki wurde zur Interimspremierministerin ernannt und es wurden Neuwahlen für März 2026 angesetzt.

Nepal war bis vor siebzehn Jahren eine Monarchie. Die im Jahr 2008 gegründete Republik weckte hohe Erwartungen, mit denen viele junge Menschen aufgewachsen sind. Gerade weil die Monarchie Ungleichheiten in Gesellschaft und Politik über Jahrhunderte verankerte, ließ sie auch nach der Revolution von 2008 deutliche Spuren zurück, selbst nachdem linke Kräfte an die Macht kamen. Für viele junge Nepales*innen erscheint die parlamentarische Demokratie heute formal pluralistisch, inhaltlich jedoch hohl. Zwar finden Wahlen statt, Koalitionen verschieben sich und Regierungen wechseln. Doch die Macht zirkuliert weiterhin innerhalb bekannter Eliten, geprägt von Patronage, Parteitreue und kurzfristiger politischer Interessen.

Zwischen „Korruption“ und „Gen Z“

Obwohl der Auslöser der Proteste diesmal ein Social-Media-Verbot war, wurde schnell deutlich, dass es um mehr ging: um die Angst vor einer autoritären Entwicklung, um Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und soziale Ungleichheiten. Für viele reicht das Versprechen eines „neuen Nepals“ inzwischen nicht mehr aus.

In der internationalen Berichterstattung erscheint es oft so, als gehe es bei den Protesten in Nepal vor allem um zwei Phänomene: Korruption und eine rebellische junge Generation. Sara Pyakurel, eine seit 2018 in Berlin lebende Politikwissenschaftlerin und Aktivistin aus Kathmandu, hält diese Perspektive für verkürzt. Korruption in Nepal sei keine abstrakte moralische Anschuldigung, sondern eine gelebte soziale Realität. „Es geht nicht darum, dass jemand in einem kleinen Regierungsbüro zehn Rupien zu viel verlangt. Es geht um Ungleichheit – darum, dass Politiker*innen Luxusautos fahren, während Menschen in ihren Häusern kein Wasser haben“, sagt sie. Ihre eigene Politisierung begann mit dem Erdbeben von 2015, als sie sich als Jugendliche in der humanitären Hilfe engagierte. „Internationale Hilfe kam, aber wir haben nichts davon gesehen. Vieles mussten wir selbst machen. Ich war selbst 16 Jahre alt und musste mit anderen Freiwilligen aus der Nachbarschaft Leichen aus den Trümmern ziehen. Es war alles improvisiert. Nachdem sich die Lage nach dem Erdbeben etwas beruhigt hatte, brachten wir etwa sechs Monate lang Lebens- und Hilfsmittel in abgelegene Dörfer, die mit dem Auto nicht erreichbar waren. Manchmal mussten wir zu Fuß gehen und medizinische Hilfsgüter mitnehmen. Dadurch wurde ich schon in sehr jungen Jahren mit Ungleichheit und Korruption konfrontiert“, erinnert sie sich. Für viele junge Menschen sei Korruption daher eine frühe, unmittelbare Erfahrung. Gerade deshalb kann Korruptionsbekämpfung als gemeinsame Sprache des Protests dienen. Das Thema mobilisiert, ohne eine sofortige parteipolitische oder ideologische Bindung zu verlangen, bleibt politisch daher jedoch oft unscharf.

Pyakurel führt die Wut ihrer Generation auf eine tiefe Perspektivlosigkeit zurück. Die Landwirtschaft breche ein, die industrielle Entwicklung bleibe begrenzt und Arbeitsplätze seien kaum zu finden. Migration sei weniger eine Entscheidung als vielmehr zur Erwartung geworden. „Ich habe seit acht Jahren keine Feste mehr mit meiner Familie gefeiert und meine Cousins nicht beim Aufwachsen erleben dürfen“, sagt sie. Nepal habe sich in der Weltwirtschaft als Lieferant billiger, entbehrlicher Arbeitskräfte positioniert. Nach Angaben der World Bank machen Rücküberweisungen aus dem Ausland einen rasch wachsenden Anteil des nepalesischen Bruttoinlandsprodukts aus. Junge Menschen wandern vor allem in die Golfstaaten aus, oft unter schwierigen Bedingungen. Gleichzeitig blieben sie durch finanzielle und emotionale Verpflichtungen eng an ihre Familien gebunden. Dabei dokumentieren Amnesty International und Human Rights Watch regelmäßig prekäre Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und fehlenden Rechtsschutz für Migrant*innen aus Nepal. 

Nach dem Protest

Die wirtschaftliche Realität bestimmte, wer bei den Protesten sichtbar war und wer eher vorsichtig sein musste, um keine Risiken einzugehen. Die Bewegung war von urbanen, digital vernetzten Jugendlichen dominiert: Studierende, Berufseinsteiger*innen, diejenigen, die sich über Soziale Medien schnell mobilisieren können. Pyakurel betont, dass unter den Verletzten und Getöteten viele aus marginalisierten Verhältnissen stammen und weniger Ressourcen haben, um die Folgen politischer Beteiligung aufzufangen.

Digitale Plattformen wie Discord bildeten die zentrale Infrastruktur für schnelle und breite Mobilisierung, Koordination, Live-Streams und die Gestaltung der Protest-Narrative. Auch die Vernetzung mit Protestbewegungen in anderen Ländern war so möglich. Die Zugänglichkeit solcher Plattformen macht, so Pyakurel, weitere Machtdynamiken innerhalb der Proteste sichtbar.

Die flache Struktur der Bewegung erschwerte es etablierten politischen Parteien zunächst, sich als ihre Träger zu profilieren. Es gab keine Banner, kein Manifest, keine offiziellen Sprecher*innen. „Die Menschen hatten kein klares Programm. Sie gingen aus Frustration und aufgrund des autoritären Drucks auf die Straße“, erzählt sie. Diese Offenheit machte die Bewegung jedoch anfällig für Überwachung, Desinformation und interne Spaltung. Nach dem Höhepunkt der Mobilisierung stellte sich außerdem die Frage, wer für die Bewegung spricht und wer politisch von ihr profitiert. Pyakurel beschreibt, wie in aktivistischen Kreisen schnell prominente Einzelpersonen Sichtbarkeit und Anerkennung erlangten und damit Ungleichheiten reproduzierten, die bei den Protesten zumindest für einen kurzen Moment aufgehoben zu sein schienen, wenn alle zusammen auf der Straße waren.

Institutionell trafen die Proteste auf ein politisches System, das durch jahrelange Koalitionskrisen und Parteirivalitäten geschwächt ist. Pyakurel ist der Auffassung, dass, in solchen Kontexten Protestenergie oft absorbiert werde, sobald sie wahlpolitisch nutzbar wird. Sie warnt dabei nicht nur vor der Vereinnahmung durch alte Eliten, sondern auch vor der Entstehung neuer Eliten. Besonders kritisch sieht sie neoliberale Tendenzen unter einigen, die sich als Protestführer*innen etabliert haben, etwa die Hoffnung, Marktfreundlichkeit und Effizienz könnten soziale Probleme lösen. „Es gibt die Fantasievorstellung, dass wir einfach die sozialen Sicherungen abschaffen, wirtschaftsfreundlich werden und dann alles gut wird“, sagt sie. Stattdessen fordert sie stärkeren Arbeitsschutz, besseren Schutz für Arbeitsmigrant*innen im Ausland und eine politische Sprache, die Nepal als Arbeiter*innengesellschaft im globalen Kapitalismus ernst nimmt. „Ich glaube nicht mehr an schnelle Lösungen, sagt sie und ergänzt: „Der schwierigste Teil beginnt immer nach dem Protest.“

Zain Salam Assaad © Marielle Gutermann

Zain Salam Assaad ist freie*r Journalist*in und Autor*in. Geboren und aufgewachsen in Syrien, lebt Assaad seit 2016 in Deutschland. In seiner*ihrer Arbeit beschäftigt sich Assaad mit sozialen und politischen Fragen sowie deren medialer Verarbeitung, insbesondere zu Themen wie Gender, Protest, Migration und Flucht. Aktuell studiert er*sie im Master Global Studies zwischen Berlin und Buenos Aires, mit Studienaufenthalten in Neu-Delhi (Indien) und Beirut (Libanon).