Zwischen Kulturkampf, Antirassismus und Diversität
Zwischen Kulturkampf, Antirassismus und Diversität
Von Dan Thy Nguyen
Der kulturpolitische Diskurs in Deutschland hat sich verschoben – weg vom Sprechen über echte Gleichberechtigung hin zu polarisierenden Debatten über „Wokeness“. Während Förderstrukturen für Diversität und Teilhabe bröckeln, zeigt sich, welche Akteur*innen Haltung beweisen – und wer nur performativ engagiert war.
Seit einigen Jahren lässt sich in der deutschen Kulturpolitik ein deutlicher Diskurswandel beobachten. Diversitäts- und Gleichstellungsprogramme, die ursprünglich als demokratische Antwort auf historisch gewachsene Ausschlüsse entwickelt wurden – Programme zur Teilhabe marginalisierter Gruppen, zur Erweiterung ästhetischer Perspektiven und zur Öffnung vormals homogener Kulturinstitutionen –, werden zunehmend als Ausdruck einer übersteigerten „Wokeness“ oder als identitätspolitischer Kulturkampf gerahmt. Diese Neubewertung bleibt nicht folgenlos: Sie verschiebt die Wahrnehmung solcher Programme von notwendigen Korrekturen hin zu ideologisch motivierten Interventionen und schafft damit eine argumentative Grundlage, um sie politisch infrage zu stellen.
Diese diskursive Verschiebung wird zusätzlich durch eine kulturpolitische Kommunikation verstärkt, die selbst zur Polarisierung beiträgt. Auch auf Bundesebene werden Debatten um Gendern oder sprachliche Sensibilisierung zunehmend nicht mehr als Ausdruck gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse verhandelt, sondern als Chiffren eines vermeintlichen Kulturkampfes inszeniert. Wenn selbst der amtierende Kulturstaatsminister diese Themen wiederholt problematisiert, verschiebt sich der Referenzrahmen kulturpolitischer Debatten spürbar: weg von Fragen struktureller Gleichberechtigung, hin zu empörungsgetriebenen Stellvertreterkonflikten.
Auf dieser metapolitischen Ebene etabliert sich eine paradoxe Erzählung, die in Politik und Öffentlichkeit zunehmend an Einfluss gewinnt. Einer vermeintlich „linken Kultur- und Diversitätsszene“ wird eine kulturelle und diskursive Dominanz zugeschrieben, für die es empirisch keine belastbaren Anhaltspunkte gibt. Kultursoziologische Studien zeigen im Gegenteil, dass große Teile der Kulturakteur*innen unter prekären Bedingungen arbeiten und dass BIPoC-Perspektiven, queere Positionen sowie Stimmen von Menschen mit Behinderung weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind – in Jurys, in kuratorischen Prozessen, in Leitungsstrukturen, auf institutionellen Bühnen und in der öffentlichen Förderung. Dennoch erzeugt der politische Diskurs den Eindruck eines Übergewichts marginalisierter Stimmen und lenkt den Blick damit systematisch weg von den tatsächlichen Machtverhältnissen.
Während die Diversitätsstrategien der vergangenen Jahre nur punktuell und oft fragil in institutionelle Strukturen hineinwirkten, entfaltet die gegenwärtige Gegenbewegung stellenweise eine deutlich größere Wirkmacht. Global agierende Anti-Wokeness-Kampagnen, politische Rücknahmen und diskursive Neurahmungen operieren nicht nur budgetpolitisch, sondern normativ: Sie verschieben die Grenzen des Sagbaren, etablieren neue Sanktionslogiken und definieren neu, welche ästhetischen und gesellschaftlichen Perspektiven als legitim gelten – und in internationalen Aushandlungsräumen mitunter sogar als rechtlich zulässig oder unzulässig, wie sich exemplarisch an aktuellen Sanktionen etwa im Kontext von HateAid zeigt.
Bemerkenswert ist hier, dass diese Kräfte realpolitisch tiefgreifendere Effekte entfalten als die meisten Diversitätsinitiativen der vergangenen Dekade.
Diese diskursive Regression bleibt nicht abstrakt, sondern schlägt sich konkret auf kulturpolitischer Ebene nieder. In Berlin waren in einem frühen Haushaltsentwurf 2025 sowohl die IMPACT-Förderung – eines der wichtigsten Programme zur Unterstützung tauber, behinderter und marginalisierter Künstler*innen – als auch das landesweite Kompetenzzentrum Diversity Arts Culture nicht länger vorgesehen. Erst massiver Protest führte dazu, dass ihre Arbeit in Teilen gesichert werden konnte. Zugleich zeigt sich hier besonders deutlich, dass im Zeichen restriktiver Sparpolitik gerade jene Projekte und Institutionen ins Wanken geraten, die in den Bereichen Kulturelle Bildung, Diversitätsentwicklung sowie Kinder- und Jugendkultur tätig sind.
Auch auf Bundesebene verdichten sich diese Tendenzen. Weitreichend ist die Entscheidung, die Förderung für das Bündnis internationaler Produktionshäuser nicht fortzuführen. Dieses Netzwerk bildete über Jahre eine der wenigen bundesweit und international verankerten Infrastrukturen, in denen Diversität nicht nur programmatisch, sondern strukturell umgesetzt wurde – als Motor für transnationale Koproduktionen, postmigrantische und intersektionale Projekte sowie ästhetische Innovationen. Der Wegfall der Bundesmittel entzieht dieser Infrastruktur ihre langfristige Stabilität und verschlechtert die Rahmenbedingungen diversitätssensibler Kunstproduktion bundesweit.
Parallel dazu zeigen mehrere Bundesländer – etwa Sachsen, Nordrhein-Westfalen oder Bayern – Tendenzen zu budgetpolitischen Konsolidierungen, die formal den gesamten Kultursektor betreffen, faktisch jedoch jene Bereiche besonders stark treffen, die ohnehin am wenigsten abgesichert sind: die freie Szene, kulturelle Bildung, Kinder- und Jugendkultur, spartenübergreifende Projektförderungen und Programme mit diversitätsorientiertem Ansatz. Während große Institutionen Einsparungen über ihre Grundfinanzierung teilweise abfedern können, sind Projekte mit migrantischen, queeren, behinderten oder postmigrantischen Perspektiven in hohem Maße von projektbezogenen Mitteln abhängig – und damit unmittelbar gefährdet.
Hinzu kommt, dass die realpolitischen Folgen dieser Entwicklungen erst mit Verzögerung sichtbar werden. Viele haushaltspolitische Entscheidungen aus dem Jahr 2024 entfalteten ihre Wirkung erst im Laufe des Jahres 2025 – in einer Phase, in der, neben den schon genannten Programmen, zugleich das bundesweite Programm „360° – Fonds für Kulturen der neuen urbanen Gesellschaft“ der Kulturstiftung des Bundes ausläuft. Diese zeitliche Überlagerung verdeutlicht, dass es sich nicht um einzelne Einschnitte handelt, sondern um einen fortschreitenden, schleichenden Strukturprozess, der sich über mehrere Jahre kumulieren wird. Ein Prozess, der kulturpolitisch nur schwer umzukehren ist: Förderstrukturen lassen sich schnell beenden, ihr Wiederaufbau oder die Etablierung alternativer Modelle erfordert hingegen Zeit, Ressourcen und politischen Willen.
Neben diesen zeitlichen Überlagerungen treten zunehmend regionale Ungleichzeitigkeiten zutage. Während die kulturpolitischen Auseinandersetzungen in Berlin bereits weit fortgeschritten sind, stellt sich die Lage in anderen Bundesländern differenzierter dar. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Hamburgs. Die Hansestadt konnte sich bislang vergleichsweise stabil gegenüber bundesweiten Kürzungstendenzen behaupten und gilt derzeit noch als Ort, an dem diversitätsorientierte Kulturarbeit institutionell und politisch getragen wird.
Ob diese Stabilität von Dauer ist, bleibt jedoch offen. Mit Blick auf die Haushaltsjahre 2027 und 2028 wird sich zeigen müssen, ob es Hamburg gelingt, sich dauerhaft dem wachsenden Spardruck zu entziehen – oder ob die Stadt den bundespolitischen Trends lediglich zeitverzögert folgt. Die aktuelle Situation ist daher weniger als Gegenmodell zu lesen denn als aufgeschobene Entscheidung.
Gerade in dieser Konstellation eröffnen sich jedoch auch Chancen. Sollte es Hamburg gelingen, sich den bundesweiten Polarisierungsdynamiken nicht nur fiskalisch, sondern auch diskursiv zu entziehen, könnte die Stadt ihre Position als kulturpolitisches Referenzmodell weiter ausbauen. Voraussetzung dafür wäre, dass empörungsgetriebene Debatten und die Logik einer symbolischen Metapolitik des Kulturkampfes nicht reproduziert, sondern gesellschaftlich konstruktiv bearbeitet werden – jenseits vereinfachender Frontstellungen, ohne die realen politischen und sozialen Konfliktlinien und Triggerpunkte zu verleugnen.
Unabhängig vom Ausgang markiert die Überlagerung bundesweiter Trends mit regionalen Ungleichzeitigkeiten ein außergewöhnlich aufgeladenes Momentum. Es ist ein Moment uneindeutiger Eindeutigkeiten: Einerseits treten die Gefahren deutlich hervor, die aus der schleichenden Erosion diversitätssensibler Strukturen für die demokratische Kultur erwachsen. Andererseits eröffnen sich hier Handlungsspielräume – für kulturpolitische Gegenentwürfe, neue Allianzen und Formen der Aushandlung, die nicht auf Zuspitzung, sondern auf institutionelle Verantwortung setzen. In diesem Moment wird sich jedoch auch zeigen, ob das kulturpolitische Wirken der vergangenen Jahre über Gleichberechtigung und Antirassismus hinausging und nicht bei repräsentationspolitischen oder identitätspolitischen Ebenen stehen blieb – oder ob es sich lediglich um einen performativen Antirassismus handelte, der vor allem in jenen Jahren sichtbar wurde, in denen Diversitätsförderungen verfügbar waren, und dessen Tragfähigkeit nun unter veränderten politischen und monetären Bedingungen auf dem Prüfstand steht.
Dieser gesellschaftlich transformative Prozess wirkt daher selektiv. Er macht sichtbar, welche Akteur*innen ihr Engagement vor allem in Phasen institutioneller Absicherung entfaltet haben – und sich nun aus gesellschaftlichen Aushandlungen zurückziehen, sobald Ressourcen, politische Aufmerksamkeit oder symbolische Unterstützung schwinden. In diesem Sinne fungiert die aktuelle Situation als eine Art Lackmustest: Sie zeigt, wo antirassistische Positionierungen primär performativ blieben und wo sie auch unter konflikthaften Bedingungen weitergetragen werden. Zugleich eröffnet dieser Rückzug neue Handlungsspielräume für andere Akteur*innen, für neue Allianzen und Praktiken, die weniger von kurzfristiger institutioneller Bestätigung abhängig sind und gesellschaftliche Debatten langfristiger, konfliktresilienter, und demokratisch wertebasiert führen.
Ob diese Handlungspotenziale tatsächlich wirksam werden, entscheidet sich im Zusammenspiel – und teils auch im Gegenspiel – unterschiedlicher Ebenen: durch Berufspolitikeri*nnen, Verbände und engagierte Einzelakteur*innen.
Dan Thy Nguyen ist freier Theaterregisseur, Kurator und Schriftsteller in Hamburg. Er arbeitete an diversen Produktionen u.a. In Ballhaus Naunynstraße, auf Kampnagel, dem MDR, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und der Bundeskunsthalle Bonn. 2014 entwickelte und produzierte er das Theaterstück „Sonnenblumenhaus“ über das Pogrom von Rostock -Lichtenhagen, welches 2015 in seiner Hörspielversion die „Hörnixe“ gewonnen hat und bis heute noch an diversen Institutionen gespielt wird. Seit 2020 leitet er mit seiner Produktionsfirma Studio Marshmallow das Hamburger Festival „fluctoplasma – 96h Kunst Diskurs Diversität“ und er ist stellvertretender Vorstand der LAG Kinder- und Jugendkultur Hamburg. 2021 erhielt er den Deutschen Hörspielpreis für seine schauspielerische Leistung.
