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Wiedergänger

Wiedergänger

Wiedergänger

von Karla Fröhlich

Zu Beginn der Berlinale sitze Ich in der letzten Reihe eines Talks mit einer gefeierten Regisseurin. Wir haben uns versammelt, um auf ihre Karriere zurückzublicken. Wir hören zu, wie sie über einen Film spricht, in dem es um den westlichen Blick auf eine fremde Zivilisation geht. Der uns an das Gemeinsame zwischen uns erinnern, den Spiegel vorzeigen will; ein Spiel mit zeitlosen Figuren und Narrativen, in dem Fiktion und Wirklichkeit verschmelzen. Der Star ist eine Visionärin, Provokateurin, ihre Filme ambivalente Spektakel, die zu Debatten anregen. Kurz: Sie passt perfekt in das Programm der diesjährigen Berlinale. Man liebt sie oder man hasst sie – wir hängen gebannt an ihren Lippen, aufmerksamer als in jeder Filmprojektion. Während sie eine endlose Anekdote erzählt, werde Ich plötzlich aus meinem Bann geworfen, als sich jemand verschwitzt auf den letzten freien Platz neben mir hetzt. Schweißperlen tropfen ihm von der Stirn. Ein unangenehmer, fauliger Geruch drängt sich mir auf. Sein Lachen und Klatschen durchdringen den Saal, seine Augen glänzen vor Bewunderung. Er reißt seine Arme hoch, um Fotos zu machen, versperrt mir die Sicht.

Mir kommt ein böser Verdacht. Er spielt seine Rolle gut, aber nicht gut genug, denn er ist sich ihrer nicht bewusst. Ich aber erkenne ihn wieder. Ich sehe, dass etwas anderes durch ihn spricht: Es ist das Gespenst der alten Cinephilie, das die Berlinale heimsucht. Ein Wiedergänger aus der scheinbar längst vergangenen Epoche der Auteurs, des Geniekults, des Kinos als Ersatzreligion, der alten weißen Männlichkeit – blind für ihren beschränkten Blick. Ich hatte gehofft, ihm zu entkommen, doch begegne Ich ihm überall: auf der Leinwand, im Kinosaal, im Pressebereich, im Internet. Egal ob Star, Fan, Filmschaffende oder Film(be)schreibende – niemand ist vor seiner Heimsuchung gefeit.

Nicht immer auf den ersten Blick erkennbar, zeigt sich dieses Gespenst auch in jenen, die Visionen haben, aber nicht hinter ihre Visionen schauen. Die sich ihren Subjekten, der Jury, dem Publikum, der Öffentlichkeit anbiedern. Die das Grandiose lieben. Ihre Subjekte in die Korsette der etablierten Form, ihre Filme in die Korsette der Deutung zwängen. Immer wieder um dieselben Fragen kreisen und sich so von Film zu Film, Text zu Text, Wort zu Wort wiederholen. Es spricht aus denen, die die Filmerfahrung mit Ästhetik und die Ästhetik mit Interpretation erschlagen. Aus den Meistern der filmischen Fragen ebenso wie aus denen, die vor lauter Objektivität die Subjektivität verkennen, aber auch aus den Fans, die vor lauter Subjektivität die Analyse ausblenden. Für die jeder Film ein Konsumprodukt ist, das sich auf ein Urteil runterbrechen lässt. Er spricht auch aus denen, die immer in der ersten Reihe sitzen, von wo aus sie den Kontext nicht sehen. Gerne sagen, Filme seien Spiegel, aber alles Mögliche darin sehen wollen außer sich selbst. Die verkennen, dass Filme zwar Wirklichkeiten, aber nicht die Wirklichkeit sind. Und dass ihre Deutung mehr über sie und unsere Zeit aussagt als über die Filme: dass es der Zeitgeist ist, der durch sie spricht; und wir vor lauter Sternen den Himmel nicht sehen.

Dieser Geist aber ist nichts anderes als eines der Gespenster des Kapitalismus, die uns die Sicht versperren wollen. Auch der der Star zählt dazu – und Ich bin auf ihn hereingefallen. Denn sein Antlitz hat sich gewandelt, es hat sich dem Zeitgeist angepasst. Neben dem alten weißen Mann und der weißen jungen Frau sind es jetzt auch diverse Gesichter, die ihren Platz am Sternenhimmel haben; people of color jeden Alters, sowohl Mainstream als auch Avantgarde. Doch der Künstlerkult und die Aufstiegsversprechen der Epoche der alten Cinephilie sind geblieben. Curiosity und discipline habe sie nach oben gebracht, wiederholt auch Michelle Yeoh in ihrer Dankesrede zum Goldenen Ehrenbären das klassische Erfolgsnarrativ in aktualisierter Version. Damit kann Ich mich identifizieren, wie Ich mich auch unweigerlich überall im Programm wiederkenne. In der Filmauswahl mangelt es nicht an Geschichten von Minderheiten, Außenseitern, Marginalisierten oder sogenannten „starken Frauen“ – die laut Eröffnungsrede auch hinter der Leinwand so stark wie noch nie vertreten seien. Im Ausnahmezustand der Berlinale scheint alles möglich zu sein, das größte Publikumsfestival unter den Filmfestspielen will laut der Jury dazu einladen, die „Welt mit den Augen eines anderen zu sehen“. Ein Angebot, dem Ich nicht widerstehen kann. Mit meiner Akkreditierung fühle Ich mich ein bisschen wie Charlie mit seinem Goldenen Ticket für die Schokoladenfabrik – und stürze mich in den folgenden Tagen begierig in die neuen Filme der Stars, ergreife die Gelegenheit, sie im real life zu sehen.

Doch während Ich den Pressekonferenzen und in besagtem Talk zuhöre, wie über alles und nichts geredet wird, drifte Ich ab. Es beschleicht mich ein weiterer Verdacht: Ist nicht der Star selbst womöglich die Vampirin ihres neuen Filmes? Handelt es sich möglicherweise um ein Selbstporträt? Hat sie mich vielleicht sogar gebissen? Denn treibe Ich nicht selbst wie heimgesucht, wie eine Untote, tagelang von Kino zu Kino durch die Stadt, vergeblich auf der Suche nach der Aura des Ruhms und des Glamours? Ist es vielleicht mein eigener Schweiß, den Ich rieche? Bin Ich nicht schließlich ebenfalls einer Faszination mit einer anderen, mir fremden Welt verfallen: der Welt der Filmindustrie, der alten weißen Männlichkeit? Bediene Ich mich selbst nicht ihrer Sprache, ihren Figuren, Strukturen und Formen? Bin Ich nicht selbst fremden Visionen verfallen, habe sie für meine eigenen gehalten? Bin ich nicht selbst meinem Subjekt gegenüber ungerecht, dient es mir nicht als Projektionsfläche für meine Wut? Werfe ich nicht alles in einen Topf und wiederhole das, was Ich kritisiere? Und habe Ich nicht selbst auch immer wieder dieselben Filme geschaut, bin stets denselben Gesichtern im Publikum begegnet, totenblass wie meinem? Habe Ich nicht meinen gewohnten Platz eingenommen? Bin Ich nicht selbst vor den Debatten, dem Gespräch geflüchtet – aus Angst, mich mit meinem eingeschränkten Blick zu konfrontieren? Und habe gerade dadurch das Angebot zum Fortschritt abgelehnt? Bin selbst in diesen Kreisläufen gefangen? Und dabei etwas ganz Wesentliches ausgeblendet: dass dies nicht meine Welt ist?

Denn egal wie viele Filme Ich schaue: Abseits des Kinos treffe Ich nicht nur auf diese Gespenster, sondern doch immer wieder auch an meine Grenzen. Während sich Schlagzeilen und Events überschlagen, schwirrt mir der Kopf vor Reizüberflutung, Orientierungslosigkeit, Alltagsorganisation. Jede Interaktion ist ein Kraftakt ist eine Transaktion – von Geld, Ressourcen, Energie, Zeit: Die Wirklichkeit holt mich ein. Meine Überforderung, meine Ermüdung aber hat eine Funktion. Ich sehe die Zusammenhänge nicht mehr. Ich bin mit meinen eigenen Befindlichkeiten beschäftigt, bis hin zu der nur scheinbar sehr individuellen Frage, wie zum Teufel Ich diese Hungerspiele überlebe. Ich denke nur noch an mich selbst, werde selbst zum Gespenst. Ich muss mich immer wieder erinnern, dass Ich mit schlechten Karten spiele. Ich bin kein Star, sondern ein Narr.

Am Ende der Veranstaltung habe ich vielleicht etwas von der Aura des Stars erhaschen, aber kaum etwas neues über den Film erfahren können. Und gemerkt, dass ich hungrig bin: nach anderen, neuen Formen jenseits des Kanons und der Tradition, um deren Wert jene wissen, die im Kino wie im Leben in der letzten Reihe sitzen. Wir, deren klassische Rolle die des Narren ist. Für die diese Figuren mehr als Metaphern, sondern tatsächliche Realität sind. Auch wir kommen in vielfältigen Formen vor. Auch der Künstler, auch der Star sind schließlich Formen des Narrs – und auch der Narr ist Gefangener am Hofe des Königs. Wir spielen alle unsere Rollen in diesem Karneval, eingespannt in einem Netz aus Konstellationen sind wir interconnected, wie es die US-amerikanische Schriftstellerin und Aktivistin bell hooks nennt. Die Filme der Berlinale und auch die Berlinale selbst können uns zwar Angebote machen, uns daran zu erinnern. Doch das Gespenst geistert über allem, will uns unsere Rollen vergessen lassen, sodass wir vor lauter Sternen den Sternenhimmel nicht sehen. Nicht sehen, dass Künstlerkult und Marginalisierung zwei Seiten derselben Medaille sind. Trotz der diversen Programmauswahl der Berlinale werden die kleinen Formen und Stimmen immer noch an den Rand gedrängt – des Programmes, der Debatten, der Stadt. So ist in der Wirklichkeit (immer noch) die Marginalisierung von neurodivergenten Menschen Programm, die statt selbst in Erscheinung zu treten, in Institutionen landen, jahrhundertelang andere für sich haben sprechen lassen müssen und dann als Metaphern oder Filmfiguren (wieder)kehren.

Ich geistere also weiter mit der Frage im Bauch herum: Wie tötet man Wiedergänger? Vampire (wie wir) wissen: you have to kill your darlings. Die Fiktion, der neue Film des Stars weiß: in dem man Tränen über einem Buch vergießt. Oder einem Film. Wenn ich mir auch mehr Tränen vor Lachen gewünscht hätte, habe ich dann doch auch Momente realer Berührung auf dieser Berlinale gefunden. Sie fanden aber abseits der großen Stars, des roten Teppichs statt – im Abseits.

Am Ende des Festivals finde ich mich dann aber doch im Berlinale Palast wieder (der mir gar nicht so spektakulär erscheint, wie es sein Name verspricht). In der Premiere des tschadischen Wettbewerbsfilms Soumsoun la nuit des Astres sind zahlreiche Plätze leer – der Film wurde kaum besprochen. Nur so ergattere ich einen Sitz in der vorderen Reihe. Am Ende dieses Filmes befreit sich die von ihrer Dorfgemeinschaft ausgeschlossene Protagonistin von den Geistern der Vergangenheit und rennt in die Weite der Wüste. Unabhängig davon, wie man dieses Ende bewertet: Es erinnert nicht zufällig an die letzte Szene des berühmten Filmes, der 1959 in Cannes den Regiepreis gewann und einen Aufbruch in das große Zeitalter der Cinephilie, des Kinos des Auteurs markieren sollte, wie es Girish Shambu in seinem „Manifesto for a New Cinephilia beschreibt“. In dieser läuft der junge Protagonist, befreit von den Fesseln der Institution und der Elterngeneration, auf das offene Meer zu.

Der Narr aber weiß: Es war ein trügerischer Aufbruch, den die Geister des Kapitalismus sich anverwandelt haben. Trügerisch, wie der Ausnahmezustand der Berlinale selbst. Dass diese nicht nur zeitgleich zum Karneval stattfindet, sondern sich auch selbst als Karneval erweist, darauf verweist nicht zuletzt auch das offenbar um Selbstironie bemühte Programm, als am Ende des Festivals ganz im Sinne unseres Zeitgeistes der frisch restaurierte Film Karneval in Flandern in der Sektion Berlinale Classics gezeigt wird. Der Narr muss jedoch (nicht) Foucault gelesen haben, er muss sich nur um(oder eben einen Film)schauen, um zu verstehen, dass dieser auf den Status Quo verweist. Dass er kurzzeitig die Realität der Machtverhältnisse außer Kraft zu setzen scheint, uns diese kurz vergessen lassen soll, um dann mit aller Härte die Fastenzeit einzuleiten. Wir heimgesuchte Kinogänger, die dem Narrativ der Programmauswahl gefolgt sind, wissen um das wechselseitige Verhältnis zwischen Fiktion und Wirklichkeit, die permanent aufeinander verweisen.

Dass mit Gelbe Briefe ein Film zwar den Wettbewerb gewinnt, der selbst ein Zeichen dieser Verbundenheit sein will, mag sich wiederum als ein Zeichen der Jury lesen – der Kulturstaatsminister hat es offenbar verstanden und sendet uns ebenfalls eines. Auch aus dieser Figur spricht schließlich der Geist einer (oder mehrerer) scheinbar längst vergangenen Epochen. Fragt sich bloß, aus welcher. Denn am Ende der Festspiele sind es schließlich diese beiden, die Tränen vor Lachen vergießen, dass der Kultur- und Medienbetrieb auf ihr Spektakel hereinfällt, und an ihrer Stelle die Jury zerfleischt. Denn am Ende des Spiels hat die Berlinale so viele Tickets verkauft wie noch nie, die Presse ihre alljährlichen Schlagzeilen bekommen. Denn am Ende halten nicht die Jury, nicht die Künstler die Fäden in der Hand, die uns verbinden, so wie auch der Fan neben mir schließlich in der letzten Reihe sitzt. Am Ende von Gelbe Briefe aber wird der politische zum privaten Überlebenskampf – und dem Protagonisten bleibt nur der Blick in den bewölkten Himmel, zwischen dem immerhin noch Blau durchscheint. Bei uns aber ziehen Wolken herauf. Und wir Untoten, die wissen, dass wir Narren sind, stehen wie die Figuren in Light Pillar am Ende des Filmes am Rand und sehen zu, wie ihr altes Zuhause – die ganze alte Welt des Filmstudios, die Welt des schönen Scheins – in die Luft gesprengt wird. Was bleibt übrig? Uns immer wieder zu erinnern, dass das Netz aus Konstellationen zwischen uns stärker als jeder einzelne Star ist. Und der Narr weiß: In der ersten Reihe hat man nicht unbedingt die beste Sicht.