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Fühlen und nichts fühlen

Fühlen und nichts fühlen

Fühlen und nichts fühlen

von Anna Stocker

Mir scheint, als hätte sich in Abgrenzung zum Hollywood-Erzählkino eine Erzählweise ausgebildet, die längst auch zur Konvention geworden ist. Statt schnellem, handlungsgetriebenem Kino geht es darum, sich Zeit zu lassen, den Figuren Raum zu geben. Aber dabei wird kaum etwas erzählt, was Zeit und Raum bräuchte. Sensibel und bedächtig will dieses Kino sein. Aber nicht alle Filme können Langsamkeit. Bei dieser Berlinale habe ich mich ziemlich oft gelangweilt. Ich habe den Figuren zugeschaut, wie sie dasitzen, melancholisch aus dem Fenster schauen, einen Film schauen. Jemand bindet sich die Haare zusammen, liegt in der Badewanne, läuft durch hohes Gras. Blätter rascheln im Wind, eine Kerze flackert, ein Fluss plätschert, die Sonne scheint durchs Blätterdach, usw. Und dann warte ich, lasse mich herausfordern. Ich will ja im Kino herausgefordert und irritiert werden, aber nicht nur mit Langeweile. Ich will auch etwas fühlen und mitgerissen werden. Ich will nicht weniger lebendig aus dem Kino kommen als ich hineingegangen bin.

In zwei Filmen habe ich mit dem Publikum laut gelacht und gestöhnt. Im Forum Special war der Dokumentarfilm Frauen in Berlin zu sehen, ein neu restaurierter Film von 1981. Ausführlich kommen Frauen in Ostberlin zu Wort und erzählen von ihren (Ex-)Männern. Die frühe Heirat war oft einer frühen Schwangerschaft geschuldet und nun, nach der Scheidung, können sie sich ausführlich darüber auslassen. Die Frauen scheinen unbekümmert, ohne jede Verbitterung. Das Publikum lachte mit den Protagonistinnen und auch das Aufstöhnen war ein solidarisches, man ärgerte sich mit ihr, die sich mit diesem anstrengenden Typen herumschlug. Nach dem Film möchte jemand aus dem Publikum wissen, was denn die Regisseurin Chetna Vora an diesen Frauen in Ostberlin interessiert hatte. Voras Tochter antwortet: die Scheidung, die in Voras Heimat Indien damals ein Tabu war. Ich bin überrascht, sind mir doch während des Films die Möglichkeitsräume der Frauen eng und nicht weit vorgekommen. Die Selbstverständlichkeiten der einen sind einer anderen ein gerade erst Errungenes oder erst noch zu Erkämpfendes.

Im Programm der Woche der Kritik konnte man Um minuto é uma eternidade para quem está sofrendo (One Minute Is an Eternity for Those Who Are Suffering) sehen, und hier waren die Gefühlsäußerungen des Publikums ambivalenter. Es wurde viel mit dem Protagonisten gelacht, aber das Stöhnen war gegen ihn gerichtet, man hat sich über ihn geärgert. Der Protagonist filmt mit seinem Smartphone, sich selbst und sein Zuhause. Die Kamera richtet er auf den nicht gemachten Abwasch, einen Apfel, seine Bücher, seinen Kalender. Darin wird regelmäßig festgehalten, wie es ihm geht (meistens schlecht). Die meiste Zeit scheint er allein, seine Mutter taucht sporadisch auf, ansonsten ein paar Tiere im Hinterhof. Aber zu erzählen hat er viel. Und schwankend zwischen Energie und Apathie, Humor und Melancholie werden hier sehr wild und überraschend die banalen Dinge des Alltags untersucht, bearbeitet, überzeichnet. Mit meinen Freundinnen habe ich hinterher ordentlich über den Film gestritten, darüber, ob wir diesen Protagonisten sensibel fanden, weil er seine psychischen Probleme so offen behandelt, oder vielmehr prätentiös. Ob wir ihn hassen, weil er so penetrant seinen Penis zeigt, uns ekeln, weil er ständig in seinen Hinterhof pinkelt. Wie authentisch wird hier das Intime (der Psyche wie auch des Körpers) untersucht? Ist er ein nerviger Selbstdarsteller? Oder ist das selbstironische Performance? Mit jedem weiteren Mal, das er die Kamera auf seinen Penis richtete, verlor dies die Beiläufigkeit, die es zu Beginn noch hatte. Mit jedem weiteren Mal wurde im Saal noch verärgerter aufgestöhnt. Ich bin immer nervöser geworden, hoffte, dass es nun endgültig das letzte Mal war. Weil ich doch diesen Film eigentlich mochte, unbedingt mögen wollte.

Und dann gab es da auch noch diesen feinen, zurückhaltenden Film, Lo demás es ruido (Everything Else Is Noise), dem die Langsamkeit gelingt. Die Einstellungen sind lang, aber keine ist zu lang. Viel zu viel gibt es hier zu entdecken, in den Kollisionen und den Verbundenheiten, in den Gesichtszügen der Figuren, die Blicke, die sie sich zuwerfen. Wenn man den drei Komponistinnen zuhören möchte, muss man still sein. Aber das können der Journalist und sein Kameramann nicht so gut, der Exmann auch nicht. Es ist ein Aushandeln, wer eine Einstellung bekommt, wer eine Tonspur. Wer gesehen und gehört wird. Einmal übertönen die Männer die Frauen auf der Tonspur selbst noch, als sie längst die Wohnung verlassen haben. Aber die Einstellung bekommen die Frauen. Und wir wissen, dass wir etwas verpassen, weil wir ihnen nicht zuhören können.