Schweigende (An)Klage – Das langsame Kino als Medium des Protests
Schweigende (An)Klage – Das langsame Kino als Medium des Protests
Von Nadin Mai
Das langsame Kino, oder auch Slow Cinema, fällt mit seinen stundenlangen Filmen und langen Einstellungen aus dem Rahmen. Oft wehrt es sich bewusst gegen die „Hollywoodisierung“ des Films. Trägt es damit revolutionäres Potenzial in sich?
Juli 1789. Eine aufgebrachte Menge stürmt das Gefängnis La Bastille in Paris. Die Bürger*innen hatten genug vom feudalistischen Staat, vom Exzess der Monarchie. Sie wollten Rechte, Gleichberechtigung, Freiheiten, und sie waren bereit, für ihre Forderungen zu töten. Oder selbst zu sterben.
Nicht einmal 130 Jahre später zwingt eine wütende, bewaffnete Menschenmenge in Russland die Monarchie unter Zar Nikolaus II. in die Knie. Was als Protest begann, entwickelte sich, ähnlich wie zuvor in Frankreich, zu einer blutigen Epoche, in der sich politische Kräfte wie tektonische Platten massiv verschoben.
Von den damals entbundenen revolutionären Kräften scheint heute nur noch wenig übrig zu sein. Massive Proteste führen heute nur noch selten zu grundlegenden Änderungen in unseren Ländern. Der Arabische Frühling, der in Tunesien seinen Anfang nahm und sich wie ein Waldbrand über Nordafrika und die Arabische Halbinsel verbreitete, brachte nur wenigen Menschen eine Verbesserung ihrer Lebensumstände. Der hoffnungsvolle Frühling, der eine Revolution werden sollte, verstummte in den blutüberströmten Straßen Syriens.
Was bleibt, von revolutionären Gedanken, von der Kraft, ganze Gesellschaften und politische Formen umzukrempeln?
Das langsame Kino, oder auch Slow Cinema, hält vielleicht den Schlüssel unseres Verständnisses einer revolutionären Kraft, die wir heute nur noch vereinzelt sehen. Denn mit dem Ende des langen, brutalen und suizidalen 20. Jahrhunderts, begann die Zeit der Erschöpfung, der Resignation und der Überzeugung, dass die tektonischen Platten unter unseren Füßen feststecken und unverrückbar geworden sind.
Statt tiger und gewaltätiger Bilder auf der Leinwand, geht das langsame Kino einen anderen, einen subtileren Weg. Statt energischer Klagen und sich aufbäumenden Figuren, konzentriert sich das langsame Kino auf die wesentliche und grundsätzliche Natur eines Films, nämlich das Zeigen von Bildern.
Das Zeigen der Bilder wird zu einer Demonstration. Das lateinische Wort ‘demonstrare’ bedeutet ‘etwas darlegen, nachweisen’. Im Englischen drückt ‘to demonstrate’ zwei Dinge gleichermaßen aus: etwas zeigen (mithilfe von Beweisen) oder demonstrieren, sich gegen etwas stemmen, protestieren. Genau hier knüpft das langsame Kino an. Es macht das Eine, indem es sich das Andere zunutze macht.
Tsai Ming-liangs Alter Ego, gespielt von Lee Kang-shen, steht in Stray Dogs (2013) an einer Straßenecke, mit einem Schild in der Hand. Werbung für ein wenig Geld. Es ist kalt, Lee ist in einen Poncho gewickelt. Er zittert, friert und versucht, seine Tränen zurückzuhalten. Es ist eine Szene der Demütigung eines Menschen, der alles versucht, um mit seinen Kindern in einer Großstadt, die sie zu überrollen droht, zu überleben.
Gábor Medvigys Kamera in Béla Tarrs Damnation (1988) schweift langsam an einer Gruppe von Barbesuchern vorbei. Sie alle tanzten noch kurz zuvor ungehemmt, dank des betäubenden Alkohols, ein wenig Freude und Vergessen in schwierigen Zeiten. Jetzt schauen uns diese Gesichter an, dicht aneinandergedrängt, still, aber nicht stumm. Ihre Sprache nutzt keine Worte, sie sucht sich stattdessen einen anderen Weg.
Ventura, gezeichnet von der Vergangenheit in seinem Heimatland Kap Verde, zieht in Pedro Costas Horse Money (2014) durch die Straßen Lissabons, zieht durch Erinnerungen und Albträume, und findet sich stets an einem traumatischen Anfang wieder. Sein Gesicht, wie das der Vitalina im Folgefilm Vitalina Varela (2019), ist fast schon unheimlich, einschneidend, ein Gesicht, das bleibt, auch wenn der Film längst vorbei ist.
Lange Einstellungen stummer Menschen, deren Gesichter – deren Augen und Mundwinkel, deren Falten und Narben – ganze Enzyklopädien mit Wörtern füllen könnten. Eine nicht zu verachtende Anzahl von langsamen Filmen machen zwar nur selten Gebrauch von Nahaufnahmen, aber sie nutzen dennoch die Körpersprache als Hauptmedium der Kommunikation. Es bedarf keiner Worte, um Gewalt, Verlust und Tod auszudrücken, denn sie alle stecken in den Körpern der Figuren, erdrücken sie, halten sie fest.
Und nicht nur das. Denn ihre Körper, ihre Gesichter kommunizieren nicht nur. Sie klagen an. In einer ganzen Reihe von Filmen des langsamen Kinos ist Gewalt, in der unterschiedlichsten Form, spürbar, aber unsichtbar. Es sind die Figuren, deren Gesichter und Körper, deren Stille, ausdrücken, was ihnen angetan wurde und was ihnen immer noch angetan wird. An Elephant Sitting Still (2018) von Hu Bo ist ein solcher Film, der beobachtet, der die Klagen über das tägliche Leben am Rande der Gesellschaft Chinas wie kein anderer zur wortlosen Sprache bringt. Denn An Elephant Sitting Still sticht nicht durch seine Dialoge hervor, sondern durch seine Stille, seine Leere, eine Leere, die man den Figuren ansieht.
Stille und Leere, gezeichnete Gesichter, schwere Körper, die sich von A nach B bewegen. Das exzessive und brutale 20. Jahrhundert hat uns müde gemacht, hat uns unserer Energie beraubt, Energie, die für eine Revolution gebraucht wird. Und doch findet die Kunst immer wieder Wege, sich dem entgegenzustellen, ihren Beitrag zur Kritik an der Gegenwart zu leisten. In diesem Sinne ist das langsame Kino selbst revolutionär. Allen Erwartungen zum Trotz, geprägt vom Unterhaltungskino Hollywoods, engagieren sich Regisseur*innen aus aller Welt mithilfe ihrer Filme den Ist-Zustand zu zeigen und Fragen nach dem Soll-Zustand nicht nur auf künstlerischer, sondern auch auf politischer Ebene zu stellen.
Dies wird umso klarer in Dokumentarfilmen wie denen des Österreichers Nikolaus Geyrhalter (Homo Sapiens, 2016) oder aber den indischen Regisseur*innen Payal Kapadia (A Night of Knowing Nothing, 2021), Ekta Mittal (Missing Days, 2019) und Rahul Jain (Machines, 2016). Insbesondere bei den langsamen Filmen aus Indien wird der katastrophale Ist-Zustand des Neoliberalismus und seiner politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Konsequenzen deutlicher. Migration (Faya Dayi von Jessica Bashir, 2021), Ausbeutung (Taste of Cement von Ziad Kalthoum, 2017), die sinnlose Verschwendung wertvoller Ressourcen für absurde Bauprojekte (Behemoth von Zhao Liang, 2015), zunehmende und erdrückende Einsamkeit (Almost There von Jacqueline Zünd, 2016), die Zerstörung traditioneller Kommunikationswege (Letters from the Desert von Michela Occhipinti, 2010) und die Auswirkungen des Anthropozäns auf unsere Lebensräume (Fogo von Yulene Olaizola, 2012) – all das sind dringende, ja drängende Themen, denen sich das Slow Cinema, wie viele andere Genres auch, annimmt.
Das langsame Kino befindet sich folglich oftmals in schreienden Brennpunkten, ohne jedoch seine Stimme zu erheben. Es beobachtet, stellt fest, hält uns einen Spiegel vor das Gesicht. Die Gesichter, die Körper der gezeigten Menschen, sind, ganz im Sinne eines paradoxen Gedichts eines unbekannten Verfassers „schweigend ins Gespräch vertieft“. Und dieses Gespräch ist eine Klage, ja eine Anklage, die die Menschen mit der wenigen Energie, die ihnen in der Gegenwart bleibt, nutzen, um für eine notwendige Bewegung unserer politischen und gesellschaftlichen tektonischen Platten zu plädieren.
Nadin Mai ist Filmkritikerin, Autorin und Sprachlehrerin und lebt in Frankreich. Sie promovierte an der University of Stirling und schreibt seit vielen Jahren über Slow Cinema sowie über Konzepte der Zeit und der Dauer im Kino. Sie verfasste Beiträge für verschiedene Festivalkataloge und Publikationen, darunter für das BFI, Curzon, Multiplot und andere. Darüber hinaus kuratierte sie ein Programm mit langsamen Filmen für die VoD-Dienste Highball TV und Ovid, und wirkte an mehreren Podcasts zum Thema Langsames Kino mit. Von 2018 bis 2021 war sie Mitglied des Slow Cinema Festival Teams.Im Jahr 2022 wurde sie ausgewählt, an der Umfrage von Sight & Sound – The Greatest Films of All Time teilzunehmen. Ihre Arbeiten wurden in mehreren Sprachen veröffentlicht, darunter Arabisch, Griechisch, Italienisch und Portugiesisch.
