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POV: Evin

POV: Evin

POV: Evin

von Anne Fiehn

Kino Cubix am Vormittag, ausgerufener Streiktag der Cinestar-Mitarbeitenden, Pressevorführung des iranischen Films Roya von Mahnaz Mohammadi.

Im Saal vereinzelt verstreute, belegte Sitze, kaum Gespräche vor Filmstart. Das Licht geht aus, die Logos großer deutscher Sendeanstalten und Förderer erscheinen auf der Leinwand – auch eine Art Solidaritätsbekundung? Dann flackert es, sichtbar und hörbar knackt das Licht – es wird zu einem Leitmotiv des Films.

Point-of-View-Perspektive auf Hände, die eine weiße Wand abtasten, auf Füße, die im Kreis laufen. Die immersive Perspektive hält uns im grauenhaften Ort des Evin- Gefängnisses im Iran, in dem seit der Islamischen Revolution vor allem politische Gefangene gefoltert und hingerichtet werden. Der Blick ist verhüllt, wir sehen nur Füße, Blut auf dem Boden. Wir hören Befehle, eine Stimme, die nach ihrem Baby ruft. Wir laufen, fallen; die Schuhe derer, die treten, sind spitz. Beängstigende, rätselhafte Verhörszenen führen schließlich zu einem Deal, der auf drei Tage Ausgang für eine Beerdigung hinausläuft.

Moduswechsel: Fußfessel, fünfhundert Kilometer Bewegungsfreiheit oberhalb des Knöchels. Erstes natürliches Licht. Sonne auf der Haut, auf dem Rücksitz eines Autos. Unser Point of View bekommt ein Gesicht, die Umgebung ein Oberhalb der Schuhspitzen. Doch das Gefängnisgefühl bleibt. Auch außerhalb Evins ist man nicht sicher vor Kontrolle und Gewalt, selbst auf dem Friedhof werden die Handys abgenommen.

Die weitere Erzählung bleibt fragmentarisch, das Wahrnehmungserlebnis dadurch beinahe dissoziativ. Mit einer anderen visuellen Perspektive, aber noch immer gefangen in der akustischen Wahrnehmung der titelgebenden Protagonistin Roya (Melisa Sözen), dringen Stimmen und Gespräche nur dumpf zu uns durch; ohne Kontext bleiben sie unverständlich.

Selbst in ihrer schlicht eingerichteten Wohnung flackert das Licht, Menschen laufen weiter im Kreis. Sie bleibt vorrangig allein – isoliert. Menschen verschwinden, Szenen brechen ab. Zeitlich lässt sich vieles schwer einordnen; immer wieder werden wir auf die reine Wahrnehmung zurückgeworfen. Ich frage mich, ob sich so auch das Alzheimer des Vaters der Figur anfühlt – ein umgreifender Verlust oder ein Nicht-Vertrauen in Verständnis, in Identität, in die eigene Wahrnehmung.

Die Filmemacherin und Frauenrechtsaktivistin Mahnaz Mohammadi, bekannt für ihre dokumentarischen Arbeiten, war selbst mehrfach in Evin inhaftiert. Aus ihrem Film und der gewählten immersiven Perspektive, die sie nutzt, ohne dass die inszenierte Figur auch nur einmal ihr Schweigen bricht, schreit es mir fast entgegen: der Versuch, ihr Erlebtes erfahrbar für ein Publikum zu machen.

Blicke haben Macht und sind Instrumente der Kontrolle. Die Perspektive ist entscheidend. Die Kamera auf etwas zu richten kann ein Akt der Selbstermächtigung sein. Auch Hauptfigur Roya verwendet die Kamera als Instrument der Zeugenschaft: In der einzigen Rückblende, die wir sehen – den Zeitpunkt ihrer Verhaftung – fotografiert sie Frauen, die offensichtlich versehrt und misshandelt wurden. Und auch außerhalb der hochproduzierten Bilder fürs Kino, die Proteste der jüngsten Zeit (aber auch der vergangenen Jahrzehnte) im Iran leben durch und vom visuellem Widerstand und der Sichtbarkeit der Bilder, die bei uns ankommen.

Am Ende der drei Tage kehren wir nach Evin zurück. Zum Verhör. Wieder Point of View: Roya blickt auf eine Kamera, die auf sie gerichtet ist – ihr Verhör soll live übertragen werden. Rätselhaft der Ausgang dieser Szenen und ein weiteres Infragestellen der Wahrnehmung, Royas und auch meiner eigenen. Was am Ende bleibt, ist ein Moment der Widerständigkeit.

Die Gruppe Akkreditierter verlässt den Saal. Vor dem Kino läuft die Kundgebung von ver.di, der Kinobetrieb ist nicht gestört. Auf dem Screen gegenüber Bilder einer Pressekonferenz (ohne Wim Wenders). Roya ist nicht nur ein beliebter Vorname, sondern wird auch im Persischen verwendet, um einen schönen Traum zu beschreiben.