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Blog #3/16 - Radikalität als reine Behauptung

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Blog #3/16 - Radikalität als reine Behauptung

Blog #3/16 - Radikalität als reine Behauptung

Von Elena Meilicke

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich konnte Philippe Grandrieux’ MALGRÉ LA NUIT wenig abgewinnen – ich fand ihn sogar unerträglich.

Obwohl der Einstieg toll ist. Ein Courtney-Love-artiges Wesen zappelt in gleißendem Licht über die Leinwand, dann Schnitt in einen absolut schwarzen Raum. Drei Leute treffen aufeinander, wann und wo ist unklar, warmes goldenes Licht, es herrscht absolute Stille, bis auf ein Flüstern auf der Tonspur, zärtliche Berührungen von Händen, Gesichter ganz nah.

MALGRÉ LA NUIT ist unzusammenhängend genug, um als avantgardistisches Formexperiment durchzugehen, fährt aber leider doch viel mehr Narration auf als Grandrieux’ bisherige Filme. Und dieser Plot ist so abgelutscht, dass ich’s nicht mal hinschreiben will, aber Grandrieux bringt’s wirklich, also muss ich. Ein junger Mann, Lenz, auf der Suche nach junger Frau, Madeleine, die ist Hure, aber auch Mutter, Madonna mit Kind, ein toter Sohn. Weitere Lolita-hafte, sehr magere junge Mädchen bevölkern den Film, und viele alte Männer, abstoßend, aber machtvoll, potent und viril, Furchen und Falten im Gesicht und bassige Altmännerstimmen, so tief wie die Drones, die immer wieder die Tonspur heimsuchen. Gewalt, Tabubruch und Inzest liegen in der Luft (und sind zum Teil auch explizit zu sehen). TWIN PEAKS für Arme, denke ich.

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© Films Boutique / shellac

Ich weiß, ich weiß, die olle Repräsentationsfrage: Will man die wirklich immer wieder stellen, sie zum Maßstab und quasi-ordnungspolizeilichen Kriterium für KUNST machen? Nein, schwierig. Trotzdem finde ich, dass ein Film, der vorgibt, von geheimen Lüsten und wilden Erfahrungen zu handeln, von Sex, Liebe und Lust, von Erregung und Eifersucht und intensivsten Begegnungen, sich diese Frage gefallen lassen muss – noch dazu, wenn er in der „Woche der Kritik“ unter dem Stichwort „Verführung“ diskutiert werden soll. Wer verführt denn hier wen und wie, um wessen Fantasien und Begehren geht es, wer ist Subjekt, wer Objekt des Begehrens? Und wer ist der Zuschauer, der hier vom Kino verführt werden soll?

In der anschließenden Diskussion mit Philippe Grandrieux, seiner Hauptdarstellerin Ariane Labed, der Filmkritikerin Pamela Pianezza und dem Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger, denen zwei männliche Moderatoren zur Seite stehen, werden diese Fragen nicht gestellt. Wobei ich zugeben muss, dass ich die Diskussion vorzeitig um 00:09 Uhr verlassen habe – sie dauerte zu diesem Zeitpunkt schon über eine Stunde, und Grandrieux selbst hatte zweimal eingeräumt, zu viel zu reden, es läge am Jetlag.

Die Debatte beginnt mit einer langen Umarmung zwischen Grandrieux und Labed, Grandrieux muss Labed jetzt noch mal so richtig drücken und loben: Sie habe wirklich alles gegeben und sei so weit gegangen. Labed erklärt, sie fühle sich sehr „naked“ gerade, eine Selbstbeschreibung, die die Filmkritikerin Pianezza aufgreift, sie fühle sich ebenfalls „naked“. Warum das so ist und warum anscheinend keiner der vier ebenfalls auf dem Podium sitzenden Männer eine ähnliche Seherfahrung gemacht hat, wird nicht thematisiert. Es wird überhaupt keine einzige echte, kritische Frage gestellt. Stattdessen harmonisches Einvernehmen und die wiederholte Beteuerung, dass über die eben gemachte, tiefe cinephile Erfahrung kaum zu sprechen sei – nicht die besten Voraussetzungen für einen diskursiven Austausch.

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Ariane Labed, Phillipe Grandrieux, Emil Leth Meilvang, Marcus Stiglegger, Pamela Pianezza und Frédéric Jaeger (v.l.n.r.) © Manuel Schäfer – Petrichor Photography

Konsequenterweise kapert Grandrieux einfach die Debatte und ist nicht mehr zu stoppen. Er steigt hinab in den Mutterleib, um seine Filmästhetik zu erläutern, fötale Atembewegungen als elementare Rhythmik, die Grandrieux mit Beatbox-artigen Geräuschen illustriert: „Boom, boom…boom…You know, when your wife is pregnant, in her belly…I’m sure you guys have access to this.“ Wer hier als Diskussionspartner adressiert und gemeint ist und wer eher nicht, ist klar. Grandrieux dominiert die Bühne, der Meister spricht und unternimmt selbst die ästhetische Verortung seines Werks, Bataille, Proust und Dostojewski, das Abjekte und l’informe.

Pariser Transgressions-Kitsch, denke ich – zumal ich Grandrieux’ an diesem Abend vielfach beschworene Radikalität in entscheidenden Punkten für reine Behauptung halte. Die Sexszenen in MALGRÉ LA NUIT etwa teilen im Großen und Ganzen die Konventionen des deutschen Vorabendfernsehens. Männlicher Rücken wölbt sich über verzückter Frau, sein Gesicht ist verdeckt, ihres voll sichtbar, so dass der Zuschauer (die Zuschauerin?) die sich darauf abspielende Exstase und Lust schön abernten kann.

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© Manuel Schäfer – Petrichor Photography

 

Vielleicht geht mir MALGRÉ LA NUIT auch deshalb so gegen den Strich, weil ich, wie das auf Filmfestivals gehen kann, eine Viertelstunde vorher noch in einem anderen Film saß, in dem es um die Aporien weiblicher Wut ging, auf unheimliche und verstörende Weise: KATE PLAYS CHRISTINE von Robert Greene, im Forum. Ein Film, der Schauspielerinnen nicht nur als Körperpüppchen begreift, mit denen sich dolle Dinge anstellen lassen – Ariane, du bist so weit gegangen, Danke –, sondern sie als fühlende und denkende Wesen auftreten lässt.

„Ich habe genug“, lautet eine wieder und wieder gesungene Zeile in Tatjana Turanskyjs Film TOP GIRL ODER LA DÉFORMATION PROFESSIONNELLE von 2014 – ihren neuen Film ORIENTIERUNGSLOSIGKEIT IST KEIN VERBRECHEN (in Doppelregie mit Marita Neher) zeigt die Woche der Kritik am nächsten Donnerstag. Vielleicht ein gutes Gegengift, für den oder die, die’s nötig hat.

2 Kommentare Antworten

  1. Daland segler

    Sehr guter erster Satz, trifft es auf den Punkt (ich fand ja, es war Carax für Arme ;-)). )

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  2. Patrick Stevens

    Kein Wort über die Atemberaubende Cinematographie? Schade. Und ‚Pariser transgressions-Kitsch‘? Wenn Sie das hier Kitsch nennen, bin ich mal ernsthaft gespannt was sie Kunst nennen.

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